WOLFGANG JOOP im GESPRÄCH MIT HYPE MAGAZINE

On 12. Oktober 2009 by Sven Barthel

Er kam, sah und siegte. Wo immer Wolfgang Joop auftaucht sind Fans, Schaulustige und Medien nicht weit. München, Briennerstraße, auf dem Bürgersteig vor der Fotogalerie Lumas drängen sich Wartende, überwiegend in Schwarz und Grau gekleidete Menschen aller Altersgruppen. Mit Apperol Sprizz in der einen und Zigarette in der anderen Hand, warten sie auf Deutschlands erfolgreichsten Modemacher, der an diesem spätsommerlichen Freitag Abend, hier seine Modeillustrationen als Reproduktion in limitierter Auflage einem breitem Publikum vorstellen wird.

Dann ist es endlich soweit, Wolfgang Joop kommt im Taxi vorgefahren. Flankiert von Assistent und Assistentin, die mit blondem Bob und in Wunderkind gekleidet, genauso gut eines seiner Models sein könnte. Es dauert nicht lange und Wolfgang Joop ist umzingelt. Blitzlichter flackern auf und lassen ihn trotz Dämmerung in hellem Licht erstrahlen. Geduldig steht er den Reportern Rede und Antwort und posiert bereitwillig mit seinen Bewunderern für deren Familienalbum. Und da München eben ein riesiges Dorf  ist, trifft man auch stets unverhofft auf alte Bekannte. Überrascht von der Anwesenheit eines ehemaligen Topmodels fallen sich, die schöne Unbekannte und der Modemacher  in die Arme. Auch Patrica Riekel,  Chefredakteurin der Zeitschrift BUNTE und als solche längst selbst eine VIP, ist ebenfalls erschienen um ihren Freund Wolfgang zu begrüßen. Die Zwei wirken sichtlich miteinander vertraut. Unbeeindruckt von den riesigen auf sie gerichteten Fotoobjektiven um sie herum, gehört dieser Moment nur ihnen Beiden. Bussi links, Bussi rechts und weg ist sie wieder, die Queen of Burda.

Es dauert eine Weile bis der Stilguru sich seinen Weg durch die Menge, hinein in den Ausstellungsraum gebahnt hat. Dann endlich kann Dr. Jan Seewald, Pressesprecher von Lumas mit seiner Rede beginnen. Die stickige Luft im übervollen Raum ist vergessen. Alle haben nur noch Augen für ihn, den Dandy aus Potsdam. Viele der Gäste sind ausschließlich wegen Joop hier, nicht wegen seiner Zeichnungen. Im Laufe des Abends sprechen mich zwei ältere Damen an, um mit  mit über Kunst zu philosophieren. Sie fragen mich nach einer Einschätzung bezüglich der von Joop verwendeten Zeichenmaterialen. Nun es handelt sich um Reproduktionen. Licht und digitale Pixelmultiplikation möchte ich antworten. Doch natürlich meinen die Damen das Original. “Mischtechnik” antworte ich, “Kohle und Kreide bei Haute Noir, Tempera und Buntstift bei Summer Dress”. Sicher bin ich mir nicht. Mein Lieblingsbild ist “Nadja,” weil es aus einer Zeit stammt, in der ich als Jugendlicher meine Leidenschaft für Mode entdeckt habe. Einer Zeit in der ich nahezu an den Lippen Wolfgang Joops hing, wann immer er im TV ein Interview gab. Doch das interessiert hier Niemanden. Alle wollen nur über ihn sprechen. Wolfgang Joop!  In welchem Hotel er denn wohne, erkundigt sich eine der beiden Frauen bei mir. Ich müsste das doch wissen, schließlich sei ich ja von der Presse. Oh je, wie komme ich aus dieser Nummer bloß wieder raus?

Mein Blick wandert zu Wolfgang Joop, meinem Jugendidol, der gerade wieder mal sein Gegenüber unterhält. Ich war noch sehr jung als ich ihn 1995 bei Wetten dass zugeschaut habe, wie er Madonna für einen wohltätigen Zweck skizzierte, und wusste  dabei nicht wer ich lieber sein wollte, Joop oder der Superstar in schwarzer Lackkorsage. Vierzehn Jahre später treffe ich Deutschlands Medienliebling zum ersten Mal persönlich und stelle fest, dass er tatsächlich so nett ist, wie es ihm nachgesagt wird.

Die Absicht in jedem Falle etwas Kritisches zu schreiben, weil das nun einmal der Anspruch dieses Blogs ist und joviale Produktbeschreibungen schon zu genüge publiziert werden, muss der Erkenntnis weichen, dass es an Wolfgang Joop einfach nichts auszusetzen gibt! Charmant, kommunikativ, gebildet und alles andere als ein Snob. “Willst Du mich heiraten?,” denke ich. Stattdessen frage ich ihn nach der Zeichnung, die er von Madonna gefertigt hat und freue mich wirklich über ihren aktuellen Verbleib informiert zu werden. Ich hatte ein paar Fragen vorbereitet, doch ich möchte keinesfalls die Geduld des Meisters überstrapazieren, indem ich diese umständlich von meinen verknitterten Zetteln ablese, drum improvisiere ich im Folgenden. Glücklicherweise ist Wolfgang Joop Medienprofi. An jede seiner Antworten lässt sich prima anknüpfen. Er hat immer etwas zu sagen, und so hätte ich ihn noch stundenlang befragen können.

Gerne hätte ich in Erfahrung gebracht, was er gefühlt hat, nachdem er 2001 auch noch seine letzten Firmenanteile an die Wünsche AG verkauft hat und fortan faktisch nichts mehr mit dem Unternehmen, welches seinen Namen trägt, zu tun hatte. Es hätte mich interessiert was eigentlich aus seiner Beziehung zu seinem russischem Freund geworden ist, den er in New York kennengelernt hat, wie er einst der Bunten erzählte, von dem aber nie ein Foto gedruckt wurde.  Ich weiß, dass ich mich mit derlei Fragen längst nicht mehr im Rahmen dessen bewege, was der Grund für meine Anwesenheit ist. Doch Wolfgang Joop hat in seinem Leben so viel mehr geleistet als nur ein paar nette Skizzen von Frauen in Sommerkleidern.

copyright: Wolfgang Joop, www.lumas.de
copyright: Wolfgang Joop, www.lumas.de

Neben Jil Sander und Karl Lagerfeld ist  Joop der einzige deutsche Modemacher von Weltformat. Der Vollblut-Kreative scheint die Aufmerksamkeit zu genießen. Er flirtet mit dem Publikum, man möchte sagen er hält Hof, doch das trifft es nicht, denn dazu ist der Sympathikus einfach zu nahbar. Seine unprätentiöse Art kommt an. “Meine Kleider kann sich keiner leisten, das hier schon”, scherzt er. Das Bürgertum lacht, nicht über ihn sondern mit ihm.

Was für ein Menschenfänger. Dieser stete Zuspruch wurde ihm schon zu Teil, als sein Name noch um ein Ausrufezeichen ergänzt wurde. Vom Ruf des Markenmachers hat er sich inzwischen befreit und mit Wunderkind als ernstzunehmender Modemacher international Anerkennung verschafft. Zwei Weltkarrieren in einem Leben.

Stillstand des Flüchtigen lautet der Titel eines Buches, dass die Modeskizzen des studierten Kunsterziehers bündelt. So treffend der Titel für die Gattung der Modegrafik ist, so sehr gilt das Gegenteil  für die Person Wolfgang Joop. Flucht vor dem Stillstand müsste es korrekterweise heißen. In einem Alter in dem Andere sich mental auf die Auszahlung ihrer Rente freuen, baut er Wunderkind zur globalen Marke aus. Jüngst führte er unter Wunderkind auch eine Kollektion für Herren ein,  die von der Fachpresse mit Lob überschüttet wurde. Er hat Interesse an einer Übernahme des insolventen Wäscheherstellers Schiesser bekundet und Gerüchten zufolge soll ihm auch der Erhalt der Firma Escada am Herzen liegen.

Der Modeschöpfer verabschiedet sich, bettet sich zur Ruhe im Bayerischen Hof, was ich der neugierigen Dame verschwiegen habe. Wolfgang Joop ist weg, was bleibt sind die Reproduktionen seiner wunderbaren Zeichnungen. Ich blicke noch einmal auf das Portrait von Nadja, meinem Lieblingsbild und vermisse dabei seinen Zeichner, das Original!


-von Sven Barthel-

Wolfgang Joop, Photo: HYPE magazine

Wolfgang Joop, Photo: HYPE magazine

 

 

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