Zu hässlich für den gehobenen Einzelhandel? Nachdem Rina Bovrisse, 36, ihren Job als Senior Retail Managerin im Oktober 2009, aufgrund ihrer Beschwerde wegen angeblicher Schikanen und Diskriminierung durch ihren Vorgesetzten, verloren hatte und das Unternehmen Prada anschließend auf $ 685.000 Schmerzensgeld verklagte, schlägt das Kultlabel mit Sitz in Mailand nun mit einer Gegenklage zurück und bezichtigt seine Ex-Angestellte der Rufschädigung.
Hierbei verlangt Prada 390.000 US-Dollar Entschädigung für den durch Bovrisses’ Anschuldigungen entstandenen Imageschaden. Doch der Reihe nach: Laut Bovrisse habe ihr damaliger Vorgesetzter, Davide Sesia, seines Zeichens ehemaliger CEO bei Prada Japan, sie im Frühjahr 2009 angewiesen, 15 Store-Manager und Verkäufer der rund 40 in Japan vertretenen Prada-Boutiquen zu entlassen, die von Sesia als zu alt, fett und hässlich, mit schlechter Figur und schlechten Zähnen behaftet, kritisiert wurden und demzufolge nach nicht dem Prada-Look entsprechen. Bovrisse äußerte ihren Unmut bezüglich dieser obskuren Selektion und stand kurz daraufhin selbst unter Beschuss.
So soll der Personalchef von Pradas japanischer Firmenzentrale, Hiroyuki Takahashi, Bovrisse in einen Konferenzraum bestellt und ihr eine Verwarnung erteilt haben, da auch sie nicht dem typischen Prada Look entspräche. Schließlich riet Takahashi ihr, auch im Namen des CEOs, ihre Frisur zu ändern und ein wenig abzuspecken, denn dieser würde sich unlängst für die Hässlichkeit seiner Mitarbeiterin schämen.
Via e-mail beschwerte sich Rina Bovrisse über die Missstände beim einem Manager am Firmenhauptsitz in Mailand, was wenig später mit der Begründung, Bovrisse habe “Mobbing Angelegenheiten an Mailand gemeldet und damit für negative Stimmung im (japanischen) Unternehmen gesorgt”, zu ihrer Kündigung führte.
In einer vor wenigen Tagen verfassten e-mail an die japanische Presse schrieb Bovrisse, dass Pradas Gegenklage gegen die Menschenrechte verstoße, indem der Konzern, durch juristische Einschüchterung versuche, die Opfer seiner Personalpolitik davon abzuhalten die Wahrheit über die Hintergründe einer Anstellung bei Prada publik zu machen.
Tatort: Der Prada Store in Tokio, photo: by damon.garrett via FLICKR.com
So soll den Verkäufern in den japanischen Filialen auch zum Kauf von Prada-Artikel “geraten” worden sein um die monatlichen Mindestumsätze zu erfüllen. Wer sich hier verweigere, der müsse mit Entlassung rechnen.
Prada Japan lässt sich in diesem Fall gleich von vier Anwälten vertreten. Die Malaise erinnert an die Geschichte von David gegen Goliath. Doch Bovrisse, die seit nunmehr 18 Jahren in der Modebranche arbeitet, lässt sich bezüglich ihrer Werte nicht beirren. Sie kämpft für ihr Recht und nutzt die Angelegenheit um allgemein auf das Thema Frauen-Mobbing am Arbeitsplatz aufmerksam zu machen.
Das insbesondere Luxusunternehmen bei der Besetzung ihres Verkaufspersonals großen Wert auf ein attraktives bis gar überdurchschnittlich gutes Äußeres legen ist kein Geheimnis und scheint zunächst auch legitim, schließlich ist der Verkäufer als Ansprechpartner für den Endverbraucher eben auch immer Repräsentant einer bestimmten Markenphilosophie. Dennoch hat die Fixierung auf rein optische Qualitäten einen leicht sauren Nachgeschmack, denn sollte nicht gerade im Luxussegment auch fachliche Kompetenz bei der Besetzung von Positionen im Einzelhandel ein Rolle spielen, wenn nicht sogar den maßgeblichen Grund für eine Einstellung überhaupt bilden?
Die hübschesten Verkaufshuschen nutzen wenig, wenn diese sich vor lauter Schönheit zu schade sind, den Kunden zu bedienen, und das Ladenlokal quasi als Laufsteg in eigner Sache missbrauchen (alles schon erlebt). Im Falle von Bovrisse bleibt ohnehin die Frage, warum man die Dame überhaupt eingestellt wurde, wenn sie doch letztlich gar nicht dem Corporate Design der Firma entspricht? Könnte es sein, dass Prada Japan hier nur einen Vorwand suchte um eine unbequeme Mitarbeiterin mit eigenen Ansichten loszuwerden? Der Fashion-Krimi zwischen Mailand und Tokio ist noch lange nicht zu Ende und im Detail weitaus komplexer als er hier dargestellt werden kann. Ich empfehle daher allen Interessierten, das ausführliche und beeindruckend erhellende Interview mit Rina Bovrisse auf fashadixx.com zu lesen. (SB)
Wenn Männer in High Heels, teilweise halbnackt oder in Frauenkleidern über den roten Teppich staksen, kann dies nur eines bedeuten: it´s Showtime. Einen ganz großen Auftritt hatte am vergangen Samstag, der in Mailand ansässige Modedesigner Tom Rebl.
In der Münchner Schrannenhalle präsentierte der Kreative im Rahmen einer aufwendigen Runway-Show seine Entwürfe für die Sommer Saison 2011. Etwa 20 attraktive Models mit streng zurück gekämmten Gelfrisuren und noch strengerem Blick stolzierten flotten Schrittes vor den Augen zahlreicher Promis und Modesachverständiger, über den strahlend weißen Laufsteg und präsentierten passend zur Live- Musik mondän Tragbares zwischen Dandy und Rockstar.
Besonders tosenden Applaus gab es für den Abschluss-Walk von Topmodel Papis Loveday in einem goldenen Lederjacket und in Stöckelschuhen. Nach kurzweiligen 15 Minuten Mode am laufenden Band, präsentierte sich schließlich der Modemacher selbst seinem Publikum.
Unter den Gästen waren auch Designer-Kollege Marcel Ostertag, dessen privater Kleiderschrank bereits ein eigenes Abteil nur für Tom Rebl Klamotten umfasst, Schauspieler Wilson Gonzales Ochsenknecht, Moderatorin Andrea Kempter sowie Schauspieler Max von Thun, welcher lässig an den Fotografen vorbeimarschierte ohne für selbige auch nur einmal zu posieren. HYPE MAGAZINE war natürlich live vor Ort und wollte wissen was das Erfolgsgeheimnis von Tom Rebl ist und hat den Designer hierzu gleich selbst befragt. Seine verblüffend ehrliche Antwort gibt es in unserem Videobeitrag zu sehen.
Das Modehaus CHANEL gilt allgemein als unantastbar- kein Modejournalist, ob nun von der Fach- Publikums- oder Tagespresse, hat es gewagt, seit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Karl Lagerfeld 1983, Kritik an dem im Jahre 1909 von Mademoiselle Gabrielle “Coco” Chanel gegründeten Unternehmen zu üben, ebenso wenig wie an dessen kreativen Kopf selbst, der vom Chanel Hauptquartier in der Pariser Rue Cambon aus bestimmt, was gerade en vogue ist. Alle buhlen sie um die Gunst des Kaisers und um gute Platzierungen bei dessen fashion-shows.
Es geht das Gerücht um, das allzu unbequeme Schreiberlinge den Ausschluss aus Karls Hofstaat zu befürchten hätten. Mark Ritson, seines Zeichens Professor für Marketing an der Melbourne Business School, vielfach ausgezeichneter Kolumnist und einer der renommiertesten Marketingberater weltweit, dürfte demnach künftig keine Einladungen mehr erhalten. Schließlich überraschte der Brite die Reporter-Zunft und womöglich auch das Haus Chanel jüngst in einem von ihm verfassten Artikel in der Fachzeitschrift “Marketing Week” mit der Aussage, die Marke Chanel sei gerade dabei, eine gehörige Portion Staub anzusetzen.
Man könnte solch eine Aussage angesichts des unermüdlichen Schöpfertums Lagerfelds als Verunglimpfung abtun, wäre Ritsons Reputation nicht so tadellos, und hätte er nicht jahrelang im Luxuskonsortium LVMH als Image-Berater gedient, so aber schenken zumindest Werbetreibende, Marketingfachleute und PR-Berater seiner Einschätzung zur Lage der Marke Chanel erhöhte Aufmerksamkeit.
Nach Meinung Ritsons habe das sich in Privatbesitz der Brüder Alain und Gerard Wertheimer befindende Luxusunternehmen Schwierigkeiten, stilistische Innovation unter gleichzeitiger Wahrung der Firmentradition zu generieren. Für diesen Missstand hat der Marketing-Profi vier wesentliche Gründe eruieren können.
So sei zum einen die Schaufenstergestaltung der Chanel-Boutiquen wenig progressiv und auch die jeweils aktuelle Kollektion leider allzu oft eine Wiederholung der vorangegangen. “Its shop windows lack inspiration, the new collections are a little too derivative and the clientele looks older to me on each visit.”
Chanel Schaufenster am Ku’Damm Berlin, Photo: HYPE MAGAZINE
Desweiteren seien die in den vergangenen zwei Jahren veröffentlichten Filmbiographien “Coco avant Chanel” sowie “Coco Chanel und Igor Stravinsky” nicht gerade die beste PR für das Label gewesen, beschäftigen sich beide Streifen doch ausschließlich mit der Vergangenheit der Firmengründerin, was sich im Falle der Firma Chanel nicht mit deren eigentlichem Innovationsanspruch verträgt.
Darüber hinaus habe das Unternehmen die frühzeitige Expansion in China, einem der wichtigsten Wachstumsmärkte für Luxusgüter überhaupt, verschlafen.
Zu guter letzt moniert Ritson die Zahlung einer Rekordmiete für einen neuen Store an Londons nobler New Bond Street, wodurch sich Chanel eher in die Position eines Nachahmers begeben habe, statt der Rolle des Pioniers zu entsprechen, da Konkurrent Louis Vuitton seinen von dem New Yorker Star-Architekten Peter Marino gestalteten und direkt gegenüber gelegenen Shop der Superlative bereits Wochen zuvor eröffnete.
Um seinen subjektiven Eindrücken mehr Substanz zu verleihen stützt Ritson seine These auf eine empirische Untersuchung des Marktforschungsinstituts “Millward Brown”, einem der weltweit größten Marktforschungsinstitute mit dutzenden Dependancen. Laut deren Studie hätten die drei führenden Luxusunternehmen Louis Vuitton, Hermès und Gucci bedeutend an Wert hinzugewonnen, während der Markenwert von Chanel, derzeit auf Platz 4 der Top-Luxusmarken, innerhalb der vergangenen 12 Monate um 11% gesunken sei. Dies ist wahrlich nur schwer zu überprüfen, da Chanel selbst keine Zahlen veröffentlicht.
Nun wird Chanel, dessen Strahlkraft so unvergleichlich stark ist und dessen Logo so begehrt wird wie kaum ein anderes, mit dieser Einschätzung zunächst einmal Leben müssen - eine Stellungnahme des Hauses zur Analyse Ritsons ist bisher nicht erfolgt.
Was nach der Veröffentlichung Ritsons mutigen Schriftsücks bleibt ist weniger die Frage, ob die Marke Chanel schon Patina angesetzt hat, als vielmehr ein Denkanstoß für alle Modejournalisten, wieder mehr Mut zur eigenen Meinung zu etablieren.
Denn wie FAZ Redakteur Dr. Alfons Kaiser bereits treffend in seinem Artikel: “Verzweifelt gesucht: Mut zur Meinung! Vom möglichen Ende der Käuflichkeit im Mode-System.” für das Magazin ACHTUNG Zeitgeist schrieb, …ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen von einem lange ungefragt akzeptierten Missstand, der am Ende das ganze Berufsbild des Modejournalisten in Frage gestellt hat.”
(Text: Sven Barthel)
“We have class, working class!” verkündete Modegott Karl Lagerfeld einst gegenüber Lori Goldstein, ihres Zeichens Stylistin und in Modezirkeln als eine der besten ihres Fachs geltend. Vor kurzem hat die mittlerweile 67-jährige Stilexpertin in einem Interview mit dem New Yorker Modeblog “fashionista” zwischen den Zeilen einige spannende Aussagen platziert, deren Aktualitätsbezug sich gemessen am gestrigen Auftritt von Daniela Katzenberger in der Sendung von Markus Lanz, beispielhaft bestätigte.
Lori Goldstein
So macht Lori Goldstein auf einen Zustand aufmerksam, der mit Sicherheit kein ausschließliches Phänomen des 21. Jahrhunderts darstellt, aber durchaus als neue globale Volkskrankheut der letzten 5 Jahre gewertet werden kann. Die Rede ist von Ruhmessucht. Von jungen Menschen, die krampfhaft ans Licht der Öffentlichkeit drängen ohne, eine konkrete Leistung oder ein bestimmtes Talent anbieten zu können.
“So many people I meet say: what’s with this new generation?” weiß die erfolgreiche Stylistin zu berichten und erzählt, das sie sich selbst primär mit hart arbeitenden Leuten umgebe und gewiss niemanden kenne der auch nur im Ansatz den Wunsch verspürt prominent zu sein. “Nobody I know want’s to be a celebrity“. Ein Statement, das angesichts der Tatsache, dass die Mehrheit in Goldsteins Bekanntenkreis einen prominenten Namen trägt, zunächst verwundert, sich im Gesamtkontext ihrer Antworten jedoch von selbst erklärt.
So scheint das Umfeld von Lori Goldstein mehrheitlich aus Menschen, die sich mit Leidenschaft ihren vornehmlich “kreativen” Aufgaben widmen, zusammenzusetzen. Künstlerseelen, die eher von Berufung als von Beruf sprechen würden und deren Tätigkeit nicht bloß Mittel zum Broterwerb ist als vielmehr der einzige Weg zur Selbstverwirklichung. Menschen, deren Leben die Kunst, die Mode, die Schauspielerei ist. Denen das Blitzlichtgewitter herzlich egal ist, das Bedürfnis, sich der Welt künstlerisch mitzuteilen jedoch umso wichtiger. Menschen, die der Ruhm nicht in Form von Schlagzeilen heimsucht sondern durch Anerkennung ihres Könnens. Lori Goldstein spricht aus eigener Erfahrung: “Those who keep putting in the hours will be the last ones standing.”
Was für eine überaus optimistische Haltung in Zeiten, in denen zahlreiche Medien mittlerweile Scheiße als Gold verkaufen, mag da manch einer denken.
Eine Untersuchung der Universität Bielefeld, welche Mädchen im Alter von 13 - 16 Jahren nach ihren Berufswünschen befragte, hat ergeben, dass die Mehrheit von ihnen eine Kariere als Schauspielerin, Sängerin, Model, oder eben auch Designerin anstrebt. Berufe die auf den ersten Blick allesamt Medienpräsenz und das schnelle Geld versprechen. Wobei das Motiv, möglichst viel Geld zu verdienen, schon längst nicht mehr im Vordergrund steht. Vielmehr geht es um Aufmerksamkeit, eine Währung, die wesentlich stärker ist als der Euro und von der auch German-Barbie Daniela Katzenberger gegenwärtig profitiert.
Auf die Frage von Markus Lanz wo sie sich in ein paar Jahren sieht, antwortete die populäre Blondine, sie sei heute Model, morgen Schauspielerin und übermorgen Sängerin. Der busenfixierte Jürgen Drews pflichtet ihr bei: “Die Zeiten haben sich eben geändert”. Da hat der König von Mallorca natürlich recht: Schrille Selbstdarsteller, It-Girls, höhere Töchter und Society Ladies sind die Stars im Hier und Jetzt.
Doch nicht jeder mag sich mit dieser Entwicklung abfinden und distanziert sich daher von den billigen Thrill-Suchern. “What we do is not the fluff-it’s not going out to parties, it’s not to be seen.” sagt Lori Goldstein.
Dem stimme ich zu: NOT TO BE SEEN IS THE NEW BLACK!
Lea T. (zweite von rechts); photo by courtesy of givenchy
Auf den ersten Blick springt dem Betrachter nur ihre unglaubliche, jugendliche Schönheit ins Auge. Nicht im Traum würde irgendwer an Ihrer Weiblichkeit zweifeln. Ihre vollen Lippen, ihr langes dunkles Haar, die makellosen, langen Beine und dieser jugendliche, fast unreife Blick, wie ihn auch Kate Moss in jungen Jahren hatte. Keine Frage, Lea T. hat das gewisse Etwas, welches ein Model ausmacht. Mutter Natur hat es gut mit dieser jungen Frau gemeint und sie - um es mit den Worten eines Modelagenten auszudrücken - mit dem kompletten “High Fashion Rundumpaket” ausgestattet.
Deshalb würde wohl auch Niemand in Frage stellen, dass die gebürtige Brasilianerin das Gesicht der Herbst/Winterkampagne 2010 des französischen Luxuslabels Givenchy ist. Genauso wenig käme man auf die Idee, diese gelungene Kampagne als revolutionär einzustufen - doch für die Modebranche ist sie das und zwar aus gutem Grund. Denn Lea T.’s Geschichte ist nicht eine dieser hundertmal gehörten Cinderella Stories jener Models, die es aus dem Nichts unter die Top 20 geschafft haben. Lea T. wurde als Mann geboren und hieß früher Leo - das Topmodel mit der leicht androgynen Ausstrahlung ist eine Transsexuelle.
Vor 28 Jahren wurde sie als Leandro Cerezo in Brasilien geboren. Ihre Familie ist streng katholisch, ihr Vater ist der prominente Fussballspieler Toninho Cerenzo. Schon als Kind bemerkt Leandro, dass er anders ist, als die gleichaltrigen Jungen. Auch dem Vater wird das frühzeitig bewusst. Lange betet die Familie, dass Leandro „nur” homosexuell ist. Mit 14 fühlt sich Leandro zu Mädchen und Jungen gleichmaßen hingezogen und merkt, dass seine Situation alles andere als einfach sein wird. Erst die Begegnung mit dem Central Saint Martins Absolventen Riccardo Tisci wird alles ändern: der Modedesinger ermutigt Leandro, seine Weiblichkeit zu entdecken.
Als Kreativdirektor im Hause Givenchy engagiert Tisci Leandro später als seinen Assistenten und macht ihn schließlich zu seiner Muse. “One night he encouraged me to wear pumps to a party,” erinnert sich das transsexuelle Model in einem Interview mit der französischen Vogue. “We went shopping for ‘drag queen’ shoes and we bleached my eyebrows. It was a revelation.” Inzwischen hat es Lea vom Backstagebereich auf den Laufsteg geschafft. Sie ist bei der Modelagentur Women unter Vertrag, lief auf der Haute-Couture-Schau von Givenchy und wurde neben anderen Topmodels für die Herbst/Winter Kampagne des Luxuslabels unter Vertrag genommen.
Das wohl spektakulärste Shooting aber hatte Lea T., deren Verwandlung zur Frau noch nicht gänzlich vollzogen ist, jüngst für die französische Vogue. In der Juli Ausgabe posiert sie splitternackt. Ihre lange braune Mähne umspielt die zarten Brüste, ihr altes Ich ist nicht zu übersehen, auch wenn sie es vorsichtig hinter ihrer Hand versteckt. Im Vergleich zu ihrem fragilen Oberkörper wirkt ihre verbliebene Männlichkeit wie ein Störfaktor, ein Makel. Etwas, was da nicht hingehört. Chefredakteurin Carine Roitfeld brachte dieses Aktfoto einerseits den Vorwurf ein, sie würde Leas Transsexualität nutzen, um die Auflage ihres Magazins zu steigern.
Andererseits wurde die französische Vogue-Chefin für ihre Fortschrittlichkeit gelobt, da sie ein Thema aufgegriffen hat, welches in der Modebranche bislang als Tabu galt und in Hochglanzzeitschriften so gut wie gar nicht stattfand. Lea selbst wollte mit der freizügigen Fotostrecke ein Signal setzen:“I agreed to pose in the name of all my transsexual friends.” Trotz ihres märchenhaften Aufstiegs, kämpft die Brasilianerin weiterhin gegen Vorurteile und Altlasten. So soll ihr Vater im Interview mit der britischen Tageszeitung the Guardian die Existenz einer Tochter verneint haben. Als der Reporter konkret nachfragte, ob denn einer seiner Söhne in der neuen Givenchy Kampagne zu sehen sei, soll der ehemalige Profisportler einfach aufgelegt haben.
Wohl auch deshalb gibt sich Lea T. keinen Illusionen hin und sieht ihren derzeitigen Erfolg mit gemischten Gefühlen: “We transsexuals are born and grow up alone. After the operation we are born again, but once again alone. And we die alone.” It is the price we pay.” Vielleicht ist Lea mit ihren 28 Jahren noch nicht bewusst, dass sie möglicherweise eine Schlüsselfigur in der Modebranche sein wird, ähnlich wie es Anfang der 90er Jahre Naomi Campell war, die als erstes dunkelhäutiges Model die Laufstege dieser Welt eroberte. Eine Schlüsselfigur für mehr Menschlichkeit und Toleranz. Für den Fall, dass die schnelllebige Fashion Industrie sie doch nur verheizt und ihrer schnell überdrüssig wird, hat die besonnene Brasilianerin bereits vorgesorgt. Seit ein paar Semestern studiert sie in Italien Tiermedizin. Was für eine beeindruckende Frau, diese Lea T.! (Text: Martina Klose)
Ein Leser des Modeblogs LesMads hat vergangene Woche die Kommentarfunktion zu einer besonders spannenden Stellungnahme genutzt. Modejournalist Fabian Koelmel, hat mit seinem “würzigen” Kommentar zu Daniel Mancinetti, dem Chefredakteur des in Berlin ansässigen GEIL Magazins, sehr viel Mut und aufgrund der Tatsache, dass er seinen Post nicht anonymisiert hat, noch mehr Rückgrat bewiesen, und dadurch im HYPE Office auch eine interessante Diskussion um die Seriosität einzelner Medienvertreter und Modeschaffender ins Rollen gebracht.
Was ist passiert? LesMads berichtete am Samstag über die aktuelle Herbst/WinterAusgabe des GEIL MAGAZINE, einer noch recht jungen Fashion-Gazette für das starke Geschlecht, welche dieses Mal in drei Cover-Varianten angeboten wird. Fabian Koelmel, der u.a . für die Publikationen Tush, FHM und L’OFFICIEL HOMMES schreibt, nimmt diesen Beitrag zum Anlass um seine negativen Erfahrungen im Umgang mit dem Chefredakteur via Kommentarfunktion öffentlich zu machen, und teilt ordentlich aus.
Er berichtet von einer zweifelhaften Arbeitsweise Mancinettis, bezeichnet ihn als Betrüger und bezichtigt ihn gar der Lüge und des Diebstahls. So soll Mancinetti für seine zweite Ausgabe bei Koelmel zwar ein Textkonzept in Auftrag gegeben, dieses aber niemals umgesetzt und auch nicht bezahlt haben. Starker Tobak! Interessanterweise finden Koelmels Behauptungen, von vier weiteren Kommentatoren (allesamt männlich), schnell Unterstützung. Und tatsächlich findet man in den Untiefen des Webs Stimmen, wie z.B. Leserkommentare des Blogs The Fashionisto, die von unsauberen Arbeitsmethoden Daniele Mancinettis künden.
Screenshot of The Fashionisto
Nun gehört es zwar zum Tagesgeschäft eines Chefredakteurs Inhalte, und dazu zählen bereits erarbeitete Modestrecken wie auch Textdokumente, bis Druckschluss immer wieder zu verwerfen, um ein optimales redaktionelles Resultat zu erzielen. Dies allein stellt gewiss kein Verbrechen dar. Allerdings sollte man sich als Heftmacher im Vorfeld überlegen, ob man in der Lage ist Rechnungen zu begleichen bevor man weitere Arbeiten in Auftrag gibt. Die Erstellungskosten für ein Modemagazin im Auge zu behalten, zählt eben auch zu den Pflichten eines Chefredakteurs. Womit wir auch schon beim Kern der Problematik angelangt werden. Der Fake-Biographie.
Immer mehr junge Menschen ohne jedwede Fachkompetenz schmücken sich mit Titeln, die ihnen eigentlich nicht gebühren und dass auf völlig legale Art und Weise. Denn Begriffe wie Chefredakteur, Journalist, Modedesigner und Stylist sind keine geschützten Berufsbezeichnungen. Ganz zum Leidwesen aller Chefredakteure, Modedesigner und Stylisten, die wirklich qualitativ hochwertige Arbeit leisten. Unterstützt von den komfortablen Mechanismen und Anwendungen des Web 2.0, ist heute nahezu jeden Depp, der eine Computertastatur bedienen kann, in der Lage sich als zweiter Lagerfeld oder Catwalk-Queen zu inszenieren.
“Das traurige ist…”, schreibt LesMads Kommentator Leif, “dass es funktioniert.” Noch viel trauriger ist jedoch, dass kaum jemand den dargebotenen Schund kritisch hinterfragt, und selbst etablierte (Print-)Medien und Boulevard-Sendungen sich ihrer Themen mittlerweile bei Modeblogs bedienen und diese völlig unreflektiert verbreiten.
Fast schon möchte man Herrn Koelmel gratulieren mit seinem Kommentar, endlich etwas Bedeutsames in das Dickicht des allzu oft bedeutungslosen Blog-Palawers gestreut zu haben, wäre da nicht die grundsätzliche Frage, ob es richtig ist , Menschen deren Schuld nicht eindeutig bewiesen oder deren vermeintliches Fehlverhalten nicht näher verifizierbar ist, öffentlich an den Pranger zu stellen? Wohl kaum. Aber auch das ist Web 2.0!
“Du bist doch höchstens erst 17 !” Danke für das Kompliment aber nein, ich bin tatsächlich schon volljährig und das seit mehr als 10 Jahren. “Dann hast Du vermutlich viel Geld in Schönheitsoperationen investiert !?” Nein Rosa, das auch nicht. “Fahren Päderasten eigentlich auf dich ab?” Ähm, darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht, jedenfalls finde ich ältere Männer nicht uninteressant. Im Gegensatz zu den meisten postpubertären Jungs haben die wenigstens etwas zu erzählen. “Wie alt ?” hakt er nach. Mit Männern bis 50 halte ich eine Beziehung für vorstellbar, antworte ich und denke dabei kurz an George Clooney. Ende der Nachfragen! Monsieur von Praunheim wird im November dieses Jahres 68.
Das Gespräch mit dem Kultregisseur und Deutschlands Schwulenikone im Anschluss an eine Signierstunde in einem Münchner Buchladen, im nach wie vor hippen Glockenbachviertel, beginnt zunächst schwungvoll. Wir nehmen Platz auf der Terrasse eines Cafés. Doch dem Filmemacher ist es dort zu heiß an diesem frühen Freitag Abend und so wechseln wir die Lokalität nach nur 2 Minuten, um im wesentlich schattigeren Bistro auf der gegenüberliegenden Straßenseite erneut Platz zu nehmen. Hier packe ich meinen Fragenzettel und mein Diktiergerat auf den filigranen, blass-gelb lackierten Metalltisch. Rosa ordert eine Afri-Cola und eine Gemüse-Lasagne. Ich schlage vor, ihn erst einmal in Ruhe sein Essen genießen zu lassen bevor wir mit dem Interview anfangen, worauf der Filmemacher entgegnet, er genieße seine Mahlzeiten für gewöhnlich nie. Infolgedessen bittet er mich loszulegen. Er beantwortet alle meine 15 Fragen souverän. Nach jeder Antwort lasse ich ihm ein wenig Zeit für einen Bissen von seiner Pasta.
Doch an irgendeiner Stelle während dieses Interviews muss es passiert sein: Herr von Praunheim verliert das Interesse. An mir und dem Interview, jedoch nicht an seinem Essen. Quält ihn etwa meine Frage nach dem Alter? In seinem Film “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” heißt es an einer Stelle: “der alte Schwule hat nichts zu lachen”. Ich frage ihn daher, ob er, der langsam aber sicher auf die 70 zusteuert, sich auch zu den alten Schwulen -die nichts zu lachen haben- zählt. Ist das respektlos? Die Frage müsste doch eigentlich genau nach seinem Geschmack sein, schließlich war er es doch, der einst verkündete, er hasse “Anpasser”.
Gewiss, Austeilen ist die eine Sache, darin war von Praunheim schon immer gut. Mit Würde einstecken, das können nur die Wenigsten, am allerwenigsten diejenigen, die selbst gerne austeilen. Ob er den reich geworden sei durch seine Filme, ob Hape Kerkeling und Alfred Biolek nach ihrem Zwangsouting durch ihn jemals wieder ein Wort mit ihm gewechselt haben möchte ich wissen, und auch, wie er, der dem Magazin Spiegel gestand promiskuitiv zu leben, es eigentlich mit Sex im Alter hält ?
Auf alles hat Rosa eine kluge Antwort, doch offenbar verdüstern meine Erkundigungen seine Stimmung, verderben ihn aber wenigstens nicht den Appetit. Er verspeist seine Lasagne vollständig. Anstandshalber übernehme ich die Rechnung. Ein Dankeschön bleibt aus. Unmittelbar nach der Beendigung des Interviews fährt das von der Kellnerin gerufene Taxi vor um Herrn von Praunheim und seinen Lebensgefährten Oliver in das City-Kino in der Sonnenstraße zu chauffieren. Hier wird der Regisseur seinen neuen Film “New York Memories” vorstellen. Dort werden wir uns in wenigen Minuten wiedersehen. Ich reiche Rosa zum Abschied meine Hand. Hätte ich darauf verzichtet, wäre er vermutlich völlig wortlos in das Taxi eingestiegen. Ein Stunde später treffe ich ihn wieder. Er spricht mit einem Redakteur des Bayerischen Rundfunks, der “New York Memories” mitfinanziert hat.
Noch immer trägt von Praunheim eine dunkelblaue Jogginghose und ein schwarzes Schlabbershirt zu schwarzen Gesundheitslatschen.
Um die Wartezeit bis zur Vorführung zu überbrücken plaudere ich ein wenig mit seinem Freund, der bei einer Berliner Schwulenberatung arbeitet und dort für Seniorenfragen zuständig ist. Ob sie sich dort auch kennengelernt haben? Wie ich später erfahre, ist der wesentlich jüngere Oliver seit nunmehr 2 Jahren mit Rosa liiert und durfte ihn sogar bei den dreimonatigen Dreharbeiten in New York 2009 begleiteten. Laut Rosa liebt sein Lover die Metropole an der Ostküste wie kaum eine andere Stadt, wovon man im persönlichen Gespräch mit ihm allerdings überhaupt nichts merkt. Auf meine Anekdoten aus dem Big Apple, in dem ich selbst für eine kurze Zeit gelebt habe, reagiert Oliver nahezu leidenschaftslos.
Nachdem die Premierengäste, ca. 30 ältere Damen und Herren, darunter die auch die obligatorischen Alt-HIVler, im Kinosaal ihre Sitzplätze eingenommen haben, bei einigen Besuchern überkam mich beinahe das Pflichtgefühl ihnen zu ihrer Portion Popcorn noch eine Bettpfanne zu reichen, initiiert Rosa auf dem Podium vor der Kinoleinwand einen verbalen Rückblick seines künstlerischen Schaffens. Sein Monolog mutet recht kurzweilig an, denn tatsächlich hat der Mann zahlreiche interessante Menschen getroffen und sich selbst so viele außergewöhnliche Momente geschaffen, wie es anderen nicht mal in zwei Leben gelingen würde. Wer bitteschön kann schon von sich behaupten, eine Live -Sex-Performance in New York aufgeführt zu haben. Ficken auf der Bühne unter dem Deckmantel der Kunst. Das scheint mir typisch von Praunheim.
Definitiv teile ich seine Leidenschaft für das Unbequeme und alles Unkonventionelle, für New York, wie auch den Fakt in Frankfurt am Main aufgewachsen zu sein. Doch davon weiß Rosa nichts. Die Lichter fahren runter, Rosa verlässt den sich langsam verdunkelnden Saal. Mit Sicherheit hat er seinen eigenen Film schon zu Genüge gesehen. Der dramaturgische Einstieg in die Thematik ist direkt und unmittelbar. New York. Ich liebe Filme, die mit einer Panoramaaufnahme der einwohnerstärksten Stadt der USA oder gar mitten auf einer ihrer lebendigen Straßen beginnen. Die Dokumentation ist eine Art Fortsetzung des Films “Überleben in New York” aus dem Jahr 1989, in dem drei Frauen bei ihrem Vorhaben in dieser Stadt Fuß zu fassen mit der Kamera begleitet wurden. “New York Memories” zeigt nun was aus den Frauen geworden ist und wie sie heute leben.
Eine von ihnen ist Claudia Steinberg. Die gebürtige Essenerin schreibt regelmäßig für die deutsche Vogue und muss finanziell, man höre uns staune, trotzdem um ihr Überleben in Manhattan kämpfen. Wobei fraglich ist, wie jemand, der bereit ist 50 US-Dollar für ein Pfund Spinat auf dem “Farmers Market” zu zahlen, wirkliche Existenzängste haben kann. Dennoch, Steinbergs Biographie, wie auch die der anderen Protagonisten, inspiriert.
Der Film verdeutlicht wie es schwer ist, vor allem für Neuankömmlinge, sich in Gotham City zu etablieren. Und es wird scheinbar immer schwieriger. Die Angst vor Arbeitslosigkeit beherrscht die Mittelschicht. Aufgrund der von Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani eingeführten und seinem Nachfolger Michael Bloomberg fortgeführten “zero tolerance” Stadtpolitik gibt es zudem so gut wie keine kreative Underground-Szene mehr. Andy Warhol, Studio 54, Halston liegen gefühlte 1000 Lichtjahre zurück. Manhattan präsentiert sich heute sauber, reich und weiß!
Trotzdem die Bewohner der Perle am Hudson River quasi rund um die Uhr arbeiten müssen um irgendwie die 1800 Dollar für ihr winziges 1-Zimmer Apartment begleichen zu können, halten sie “ihrer” Stadt die Treue. Sie hegen die Hoffnung auf bessere Zeiten, wachsen an den Herausforderungen. Es ist der abgegriffene Traum vom “Tellerwäscher zum Millionär” oder zeitgemäßer ausgedrückt, die Möglichkeit zur hundertprozentigen Selbstverwirklichung, die die New Yorker die Strapazen der Existenzsicherung freiwillig aufnehmen lässt. Die enorme Flexibilität welche die Einwohner dabei an den Tag legen und deren Fähigkeit zur konstanten Selbstmotivation lassen deutsche Lebensläufe im Vergleich da fast schon träge aussehen.
Im Bemühen die Situation zwischen Rosa und mir ein wenig zu optimieren, gehe ich nach der Vorführung auf ihn zu und sage ihm wie inspirierend ich seinen Film fand. So gewährt “New York Memories” dem Zuschauer doch authentische Einblicke in die Gegenwart einer der aufregendsten Städte der Welt, frei von naiv-touristischer Schönfärberei.
Als ich von Praunheim frage, was es wohl sei, dass die Menschen trotz des anstrengenden Überlebenskampfes an diese Stadt bindet, murmelt er desinteressiert, etwas vom Gigantismus New Yorks. Wirklich aufschlussreich ist das nicht. Eine Rentnerin, die den Regisseur um ein Autogramm bittet unterbricht unsere stockende Konversation. Diskret trete ich einen Schritt zur Seite und schaue zu wie Rosa mit Kugelschreiber seine Signatur auf den Fächer der alten Dame kritzelt. Als er fertig ist, hebt er den Kopf ohne mich noch einmal anzublicken und schaut demonstrativ in eine andere Richtung. Schließlich zieht er wortlos von dannen. Ich frage mich ob mein Dior-Deo versagt hat und wo der Kasus-Knacktus zwischen uns liegen könnte. Ich begebe mich aus dem Kino-Foyer ohne mich von ihm zu verabschieden. Auf dem Weg zurück ins Büro frage ich mich desweiteren, ob ich das Verhalten von Praunheims nun als unbegründet zickig oder einfach nur als “verhaltensoriginell” einstufen soll, und komme letztlich zu dem Schluß, dass mir zwar der Film gefiel aber nicht die Launenhaftigkeit seines Schöpfers.
“Die Unfähigkeit sich zu verstehen weil man zu sehr seiner eigen Person verhafte bleibt führt bald zum tragischen Ender eine romantischen Freundschaft” ist im Praunheimschen Filmklassiker “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” von 1971 zu hören. Mit Begeisterung stelle ich fest, dass die Erkenntnisse des Regisseurs zum schwulen Sozialverhalten auch 39 Jahre nach ihrer erstmaligen Verlautbarung noch immer gültig sind. Eine leibhaftige Begegnung mit Rosa von Praunheim ist der beste Beweis dafür.
Was in den Medien stets kräftig gehypt wird und sich in TV-Beiträgen und Zeitungsberichten den Zuschauern und Lesern als „larger-than-life-happening” -sprich wahnsinnig wichtig- präsentiert entpuppt sich bei der Live-Visite vor Ort als eher ernüchternde Angelegenheit. Die Rede ist von der Berlin Fashion Week 2010, die sich mit dem heutigen Tag ihrem Ende neigt.
Fragt man Laien und auch Sachverständige worum es bei der Fashion Week eigentlich geht, antworten alle einvernehmlich mit dem Begriff Mode. Aber ist dies auch wirklich zutreffend?
Beim uneingeschränkten Blick auf das Geschehen, frei von jeglicher medialer Einflussnahme, ließ sich der noch vor zwei Saisons von Modekritikerin Suzy Menkes gepriesene Zauber der Berlin Fashion Week dieses Mal nur schwer erspüren. Die Hitze in den vergangenen Tagen schien einfach alles und jeden zu dominieren. Bei gefühlten 370 Grad Celsius, wirkte der völlig unbegrünte Bebelplatz zeitweise wie leergefegt. Einzig die üblichen mal mehr, mal weniger originellen Selbstdarsteller und die ihnen hinterher jagenden stets präsenten Bloggerinnen im typischen Berliner “nix-passt-wirklich-zusammen-Look” sorgten vor dem Zelt für ein wenig Unterhaltung. Aufgeregtes Gewusel und Aufmärsche glamouröser Fashionistas, die schnellen Schrittes zur Location stöckeln, wie man es bei den Schauen in Paris und in Mailand beobachten kann, bleiben in Berlin jedoch vorerst Wunschdenken.
Das Geschehen am Bebelplatz
Die von uns besuchten Schauen waren zwar allesamt bis auf den letzten Platz besetzt, doch fiel uns dabei auf, dass die gezeigten Kollektionen zumindest für die am Ende des Laufstegs positionierte Pressemeute eher zweitrangig schien. Ihnen ein Blitzlichtgewitter zu entlocken schafften nicht etwa Blazer, Hose, Rock und Co. als vielmehr die Promis in der ersten Reihe. Nun wissen wir zwar, dass Ochsenknecht Junior, Wilson Gonzales, eine Freundin hat, doch wie hieß gleich noch mal das Label dessen Show die die beiden Turteltauben da besuchten?
Berlin Fashion Week das ist vor allem eines; Sehen und Gesehen werden. Doch wer präsentiert sich hier wem und wie? Als konzentrierte Beobachter auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten eruieren wir ein Publikum, das bei genauerem Hinsehen oftmals so gar nicht den Zielgruppen der einladenden Modeunternehmen entspricht.
Eine mit offenem Mund, Kaugummi kauende berufsjugendliche Boutique-Inhaberin aus Altötting, die auf eine akustisch nicht verstanden Frage ihres Ed Hardy tragenden Teenie-Sohnes mit einem lauten „Häh” zur Wiederholung seiner Fragestellung auffordert, passt einfach nicht zur schöngeistigen Designphilosophie ihres Gastgebers. Eine Klientel, die sich mitunter auch in den ersten Reihen an beiden Seiten des Laufstegs wieder findet. Da ist es nur schwer vorstellbar das eines Tages Anna Wintour, Franca Sozzani oder Anna Dello Russo hier ihre Plätze einnehmen werden.
Der viel gewichtigere Grund für die Abstinenz der internationalen Modeelite dürfte jedoch sein, dass auf der Fashion Week noch immer zu viele Labels zu wenig Relevantes zeigen. Positive Ausnahmen bilden hier natürlich Marcel Ostertag, Patrick Mohr, Lena Hoschek und das Luxuslabel Rena Lange. Doch vier high-potentials reichen nicht aus um weltweit für Aufsehen zu sorgen und sind für Verlage mit “tight-budget” noch kein Grund ihre Star-Editrixen in die deutsche Hauptstadt zu entsenden. Bei einigen an der Berlin Fashion Week teilnehmenden Firmen wundert man sich ohnehin, warum sie ihre Sachen über den Laufsteg schicken? Die Antwort ist schnell gefunden: Weil sie es sich einfach leisten können!
Nachdem die „Redaktösen” wieder abgereist sind bleibt die Frage nach der Integrität der Berlin Fashion Week. Geht es um Mode, Status, Nachwuchsförderung oder schlicht um ein paar Tage Spaß und Party bei der die Modebranche vor allem eines feiert - sich selbst.
Custo Fashion Show und Fotografen bei der Arbeit
Quo vadis Berlin Fashion Week? Um als Ort für Modekompetenz an Bedeutung zu gewinnen bedarf es mehr als Berliner Anti-Chic, kurzlebiger medialer Zusammenschnitte visueller Highlights vom Catwalk und der bildhaften Dokumentation “berühmter” Zaungäste.
Wo sind nur die Christopher Kanes, die Gareth Pughs dieses Landes geblieben? Steht „Design made in Germany” wirklich nur für „Layering” in grau, schwarz und weiß, für Tragbarkeit? Was ist eigentlich aus den vielen Westwood Diplomanden der Berliner HDK geworden? Wo sind die Kreativen aus Hamburg, Frankfurt & Düsseldorf? Liebe Exzentriker wo haltet ihr euch versteckt, zeigt endlich her eure Kleider!
strategische Selbstvermarktung: Lennart Wronkowitz, photo by Esteban,
Sein Blick wirkt streng und zielorientiert. Wie eine Mischung aus Yves Saint Laurent und Tokio Hotel Sänger Bill Kaulitz gibt sich Lennart Wronkowitz vor der Kamera. Was zum einen sicherlich an seiner überdimensional großen Hornbrille liegen mag, zum anderen an seinem zarten Alter von 17 Jahren und der femininen Außenwirkung. Während die meisten Gleichaltrigen noch orientierungslos auf Parkbänken rumhängen und jede Menge Blödsinn im Kopf haben, hat Lennart Wronkowitz aus dem beschaulichen Soest in Nordrhein-Westfalen bereits einen festen Lebensplan, eine eigene PR-Managerin und auch eine eigene Modekollektion.
Er will die Laufstege dieser Welt erobern und von Fashionweek zu Fashionweek tingeln. Ein Ausspruch, der nach der naiven Selbstüberschätzung eines Jugendlichen klingt, aber mittlerweile dazu geführt hat, dass sich gegenwärtig vor allem die Boulevardmagazine der Privatsender um ihn reißen. Auch eine Einladung zum Sofaplausch mit Günther Jauch flatterte dem smarten Jungdesigner jetzt ins Haus. In der Programmankündigung ist gar die Rede von Deutschlands großer Modehoffnung.
Auch bei Google findet man unter dem Stichwort “Lennart Wronkowitz” inzwischen zahllose Einträge. Immer wieder tauchen dort Bezeichnungen wie „Karl Lagerfelds Nachfolger” oder „Deutschlands große Fashionhoffnung” im Zusammenhang mit seinem Namen auf. Schlagzeilen wie sie Schreiberinnen des heimischen Tageblatt gerne verwenden; die zwar weniger den Tatsachen entsprechen, dafür umso mehr einen provinziellen Lokalpatriotismus bedienen.
Doch wer ist dieser Lennart Wronkowitz überhaupt, um dessen Aufmerksamkeit momentan alle Sender buhlen? Schon als 11-jähriger entwickelt der Junge aus Soest ein Faible für Mode. An Mamas heimischer Nähmaschine verschönert er zunächst seine T-Shirts, mit 14 darf er sich in der Arztpraxis seines Vaters ein Zimmer als Atelier einrichten. Bis heute verwirklicht er dort nach Schulschluss seine kreativen Träume, indem er Shirts aus dem Discounter mit Stoffresten aufmotzt. Inzwischen veräußert der 17jährige seine Entwürfe in einem eigenen Onlineshop. Verkaufszahlen gibt es jedoch keine.
Was früher als belangloses Hobby eines Heranwachsenden abgetan wurde, ist für die ständig nach neuen Sensationen Ausschau haltenden Medien heutzutage eine Story - vorausgesetzt man verkauft sie plakativ genug. “13jährige Bloggerin zeigt Anna Wintour, wo’s langgeht” oder “8jährige Stilikone macht Topmodels Konkurrenz” sind medienwirksame Schlagzeilen, die die sonst eher übersättigten Leser und Zuschauer aufhorchen lassen. Was die ambitionierten Modekinder wirklich zu sagen haben und welcher PR-Agent dahintersteckt, sind dabei eher sekundäre Randnotizen.
Hauptsache, eine neue Figur ist geschaffen, mit der sich Geld verdienen lässt. Weil auch Lennart Wronkowitz seine Jugend nicht mit Parties verplempert, sondern das fleißige Schneiderlein mimt, das in die große weite Welt hinaus will, kommt seine Geschichte bei den Medien bestens an und lässt sich prima vermarkten. Ob es sich tatsächlich um eine Erfolgsstory handelt, ist fraglich.
Ist der Fall Wronkowitz nicht vielmehr das Ergebnis einer sich zunehmend vernetzenden Welt. Ein Phänomen made by Web 2.0?
Ausnahmetalente gab es immer schon, nur eben keine öffentlichen und für jedermann zugänglichen Kanäle zur Selbstvermarktung. Fakt ist: Qualität braucht Zeit. Mussten die großen Designer nicht jahrelang an Modeschulen lernen und entwerfen und wieder verwerfen, Wettbewerbe absolvieren, ja zum Teil unentgeltlich bei großen Couturiers anheuern, um zu werden wer sie heute sind? Wronkowitz will das alles auch. Der Hunger nach Ruhm und Anerkennung, der die Casting-Generation beherrscht, wie der Drang nach freier Liebe einst die 68er, ist nicht die schlechteste Voraussetzung um Großes zu schaffen, doch für eine souveräne Laufbahn bedarf es mehr als sich im Dunstkreis von C-Promis zu tummeln und ein paar bedruckter Jersey-Teile. Medienpräsenz allein ist kein solides Fundament für eine Kariere - nichts ist unbeständiger als die Gunst des Publikums.
Ob der quirrlige Teenager Karl Lagerfeld später einmal vom Sockel stoßen wird, bleibt somit vorerst abzuwarten. Vielmehr muss sich der Junge mit der übergroßen Brille Sorgen machen, dass er nicht schon bald vom nächsten Medienphänomen verdrängt wird: das ist nämlich schon im Anmarsch und kommt aus Amerika. Cecilia Cassati heißt die neue Mini-Coco Chanel - und die ist erst 10!
Hinweis: Lennart Wronkowitz ist heute zu Gast bei STERN TV, 23.06.2010, 22:10 Uhr, RTL
“Couture has become completely irrelevant”, diese für Modeliebhaber unbequeme These verlautbarte ausgerechnet der amerikanische Modeschöpfer Oscar de la Renta auf Anfrage der Redakteurin Nancy Hass zur Lage der Haute Couture.
Der 77-jährige Oscar de la Renta, der von 1993-2002 als Chefdesigner die Haute Couture Kollektionen für das Haus Balmain verantwortete und dessen namenseigene Pret-a-Porter Linie eher opulent als reduziert daherkommt, gilt demnach selbst mehr als Couturier denn als Designer.
Die Kunde von der Überflüssigkeit der Haute Couture aus seinem Mund, sorgte somit kurz nach Veröffentlichung des Artikels im Wall Street Journal vergangene Woche für lebendige Diskussionen in Modekreisen. Mit Ausnahme für das Modehaus Chanel, gilt Haute Couture allgemein als unrentabel. Das mehrwöchige Arbeiten an einem einzigen Kleid macht aus wirtschaftlicher Sicht keinen Sinn und trotzdem halten namhafte Modefirmen an ihrer Couture Sparte fest. Begründet wird dies meist mit dem zusätzlichen Werbefaktor, den die Präsentation von Haute Couture generiert. Dadurch würde der Absatz anderer Produktgruppen angekurbelt, bspw. von Accessoires und Kosmetika. Wer sich Haute Couture nicht leisten kann, der greift wenigstens zur Parfumpulle des Hauses, um an dieser unerreichbaren Luxuswelt doch noch irgendwie teilhaben zu können, so die Logik der PR-Strategen.
Haute Couture gilt als Königsdisziplin der Modemacher. Hier können Designer ihr handwerkliches Geschick in Vollendung unter Beweis stellen und ihre Vision von der Idealfrau kompromisslos realisieren. Die Existenz der Haute Couture basiert somit nicht nur auf werbestrategischen Überlegungen, sondern auch auf der Liebe der Modemacher zu ihrem Job. Die Leidenschaftlichen unter ihnen sind froh, neben dem kommerziell Notwendigen, den schmucklosen Zweitlinien, den wenig richtungsweisenden Pre-Collections und Resort-Kollektionen zweimal im Jahr eine Arbeit präsentieren zu können, die ihren Überzeugungen und ihrer Begabung entspricht. Es geht um Selbstverwirklichung. Dass muss sich nicht zwingend rechnen, schließlich plagen die Couturiers privat keine finanziellen Sorgen. Wie auch Literatur und die bildende Kunst, stimuliert Haute Couture die Fantasie, und dient darüber hinaus den großen Textilproduzenten als Ideengrube für ihre 12 Kollektionen im Jahr.
verblasste Kunst? Photo: HYPE magazine
Haute Couture ist europäisches Kulturgut und Mahnmal gegen Masse und Beliebigkeit zugleich. Über ihren Fortbestand entscheidet allein das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Medien und Fachpresse können allerdings einen wertvollen Beitrag zu ihrer Erhaltung beitragen, indem sie das Bewusstsein der Konsumenten für Wertarbeit schärfen, das Thema Couture für ihr Zielpublikum lustvoll, spannungsreich und zeitgemäß aufbereiten und fundiert von den Schauen berichten. Allzu oft wird der Begriff Couture nahezu inflationär benutzt und ziert zuweilen die Gesäßtaschen von in Drittlohnländern produzierten Billig-Jeans. Einfach übersetzt bedeutet Haute Couture nur die “Hohe Schneiderei”, doch gemeint ist damit Handwerkskunst, Originalität und Exklusivität. Es gibt Firmen, die schmücken sich wiederrechtlich mit dem in Frankreich geschützten Begriff und werden ihm dann leider doch nicht gerecht. Was Haute Couture auszeichnet definiert die Chambre Syndicale de la Couture Parisienne. Die Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen ihrer Mitglieder global zu vertreten und die Kunst der hohen Schneiderei nachhaltig zu fördern. Die Ansprüche das eigene Firmenlogo mit dem Haute Couture Zusatz versehen zu dürfen, sind hoch: Ein Atelier oder zumindest eine Firmenzweigstelle in Paris mit mindestens 20 Vollzeitbeschäftigten ist Pflicht. Desweiteren verlangt das Haute Couture Prädikat nach zwei Kollektionen pro Jahr und das bitteschön mit jeweils 50 unterschiedlichen Modellen.
Doch wer trägt heutzutage eigentlich noch Haute Couture? Die prominenteste Anhängerin dieses höchsten modischen Segments ist die britische Bier-Erbin Daphne Guinness. Auch Scheidungsmillionärin Ivana Trump zählt zu den “Happy Few”, die zu öffentlichen Anlässen gerne be-(rauschende) Tüllbombem von Elie Saab zur Schau trägt. Hierbei stellt sich die Frage, ob das Kleid auch tatsächlich gekauft oder nur geliehen wurde. Wobei letzteres den Couturiers auf Dauer natürlich nicht weiterhilft. Die milliardenschweren Amerikanerinnen Suzanne Sapperstein und Iris Cantor, zählen bei den Couture Schauen zwar immer noch zum Inventar, sind aber einer aussterbende Spezies, leider! Viele der “neuen” Kundinnen kennt man nicht (mehr). Es sind reiche aber anonym lebende Frauen aus Russland und dem mittleren Osten. Das Klagelied über diese Klientel ist indes nicht zu überhören. Den Russinnen und Araberinnen eilt der Ruf voraus, die ultra-aufwendigen Gewänder eher als Statussymbol zu missbrauchen, statt sie als textiles Kunstwerk wertzuschätzen. Die Philosophie über Qualitäten, Haptik und Klöppeltechniken spielen in ihren (Kultur)-Kreisen eine untergeordnete Rolle. Nur teuer muss es aussehen!
Immer wieder taucht in der Diskussion um Haute Couture, die Frage auf, ob diese überhaupt noch zeitgemäß ist? Gegenfrage: Sollte Qualität nicht immer eine Existenzberechtigung haben, Schönes erhalten werden? Haute Couture erinnert uns daran, dass Mode mehr ist, als die langweilige Schwedensoße, die uns die ewig gleichen schwarzen Jersey T-Shirts, Skinny Jeans und graue Leggings als Lifestyle verkaufen will. Schrecklich, wenn in 30 Jahren junge Menschen bei der Frage, was ist Mode, zuerst an “Acne” oder “Filippa K” denken würden.
Die künstliche Verknappung von Luxusgütern durch limitierte Auflagen oder die zeitlich begrenzte Verfügbarkeit, ist ein beliebtes Marketingtool hipper Fashionlabel um den eigenen Marktwert kräftig anzuheizen. Ob Gucci, Louis Vuitton oder Comme des Garçons, sie alle lancieren regelmäßig Kleinserien, Sondermodelle, Special-Items und leben gut davon.
Auch das 1837 gegründete französische Lederwarenunternehmen Hermès, eigentlich auf distinguiertes Understatement ausgerichtet, scheint den Hype um seine Produkte künstlich anzufeuern. Zumindest wenn man aktuellen Berichten um die berühmt berüchtigte Warteliste für die legendäre Birkin-Bag Glauben schenken darf. So veröffentlichte das New Yorker Internetportal shefinds.com am 23.04. einen Artikel, in dem steht, dass die Kulttasche aktuell mühelos zu erlangen, weil gegenwärtig breit verfügbar, sei.
Autorin Aria Hughes bezieht sich auf Telefonate, die sie mit Verkäufern diverser Hermès Boutiquen in den USA geführt hat. Einige Filialen bestätigten ihr, sie hätten die Birkin auf Lager und man könne sie gleich abholen. Sieben Tage später, erfolgte auf shefinds.com ein schriftliches Update der Journalistin zum Sachverhalt, das die Warteliste als Mär entlarvt. Dieses Mal bezieht sich die Autorin auf einen Angehörigen des Hermès Imperiums im fernen Australien. Dieser behauptete, dass es nie eine Warteliste gegeben habe. Darüber hinaus befragte Hughes Michael Tonello, den Autor des Buches “Bringing Home The Birkin”. Dieser fahndet im Auftrag wohlhabender Taschenfetischisten weltweit nach Birkin und Kelly Modellen. Im Interview mit shefinds.com weiß Tonello folgendes zu berichten:
“Me and my associates walked into Hermes stores all over the world, dropped a couple grand on non-Birkin items, then asked for a Birkin, and we always (99% of the time) got one. Hermes knew that they could sell Birkin bags all day long, but they also knew that they had like 40,000 SKUs in the store which they wanted to sell. So, if you bought something in the store, were a ;good client,’ then they offered to sell you a Birkin. People who were put on the waiting list were people who didn’t buy anything in the store, just people who wanted a Birkin and did their actual clothes shopping over at Chanel or Prada, etc.”
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Tonello die Existenz der Wartelisten nicht abstreitet, sondern aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen mit der Zuteilung der Tasche, lediglich deren Sinnhaftigkeit in Frage stellt.
In einem Interview zur Markteinführung seines Buchs mit der Wochenzeitschrift STERN im Jahr 2008 bestätigte Tonello sogar das Vorhandensein der Liste:
“Die Birkin Bag ist eine der beliebtesten Handtaschen der Welt. Und ziemlich teuer: In Europa kostet die billigste mehr als 5000 Euro. Die Birkin Bag ist also nur etwas für Reiche oder Stars. Diese Leute sind es gewohnt, alles zu kriegen, was sie sich wünschen - nur die Birkin Bag nicht. Wer in einen Laden geht, muss sich auf eine Warteliste setzen lassen und ist selbst dann nicht sicher, dass er sie kriegt. Insofern ist sie das ideale Produkt: Sie ist teuer und selten.”
Die Birkin für Alle und das sofort? Wir von HYPE wollten es genauer wissen, und gingen der Sache auf den Grund: Ein Anruf bei Hermès in der Münchner Maximilianstraße bringt schnell Ernüchterung und trübt die Euphorie passionierter Bag-Addicts. Eineinhalb Jahre Wartezeit sei ja wohl das Mindeste für eine Birkin. Selbstverständlich wird das Exemplar nach den eigenen Wünschen per Hand angefertigt. Bevorzugt würde niemand. Die Hermès Dependance Frankfurt ist da schon etwas entgegenkommender. In den Farbtönen chocolat und schwarz gehe die begehrte Birkin bereits nach 3 Monaten über den Ladentisch. Am strengsten gibt sich Hermès Berlin - unter 2 Jahren Wartezeit gehe gar nichts und exotische Bestellungen -mon dieu- wie etwa Kroko- oder Straußenleder, nehme man am Kurfürstendamm ohnehin nicht mehr entgegen.
Wartezeiten bis zu einem halben Jahrzehnt und darüber hinaus?
Angesichts der aufwendigen Fertigungsprozesse aller Hermès Produkte scheint dies durchaus plausibel. So gibt es Ledersorten, bei denen allein der Gerbvorgang sechs Monate dauert. Herkömmliche Ledersorten auf dem Markt werden in 7 Tagen mit Mineralsalzen gegerbt. Die Gerbung des Hermès Barenialeder erfolgt dagegen sechs Monate lang mittels Korkrinde. Dadurch behält es seine Natürlichkeit und Weichheit.
Bleibt die Frage ob Hermès tatsächlich Kunden bei der Versorgung mit den gefragten Birkin-Bags vorzieht, die zuvor an der Carré-Theke eine ordentliche Summe springen lassen. Wir haben mit einem Hermès Mitarbeiter gesprochen, der namentlich nicht genannt werden möchte. Dieser bestätigte uns, dass in Einzelfällen, vornehmlich in Ballungsräumen, sprich Touristenhochburgen wie New York oder Nizza immer wieder mal, die eine oder andere Birkin vorrätig sei. Dabei handle es sich jedoch um Stückzahlen im einstelligen Bereich und nicht wie die Berichterstattung in der Blogospähre vergangener Tage zu diesem Thema vermuten lässt, um proppevolle Lagerräume.
Wenn Kunden eine Birkin angeboten bekämen, dann nur, wenn die vorrätige Modell nicht auf der Store-spezifischen Warteliste als Bestellung notiert ist, oder es sich um eine nicht abgeholte Bestellung handelt. Wie eine Pressesprecherin von Hermès auf unsere Anfrage hin mitteilte, hat die Finanzkrise zu einem bedächtigeren Konsumverhalten geführt, auch bei Hermès Kunden.
Fazit: Ja, es gibt Wartelisten. Eine Inflation der Birkin Bag ist nicht zu erwarten. Die Birkin Bag, mit Preisen bis zu 25.000 Euro, bleibt das prestigeträchtigste und begehrteste Must-have aller Modeliebhaber.
JADES ist in etwa so prominent wie Lady Gaga, zumindest in Düsseldorf. In diesem Jahr feiert der Fashion Store von Evelyn Hammerström und Reinhard Haase sein 10 Jähriges Bestehen. Was das Modegeschäft mit der exzentrischen Performerin verbindet, ist die Liebe zur schrillen Selbstdarstellung.
Verantwortlich für den Ruhm der Glamour-Oase an der Heinrich-Heine-Alle sind vor allem die Schaufenster, die Visitenkarte des Einzelhandels. Kein anderes Geschäft in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt versteht es seine Waren so effektvoll zu inszenieren wie JADES und ihr 5 Jahre jüngerer Bruder “more JADES”. Dekorateur Domagoj Mrsic entwickelt aufwändige Stillleben, die von kaum einen Passanten, ob modeaffin oder nicht, unbemerkt bleiben. Aus den großflächigen Auslagen blicken gelackte und top gestylte Puppen in teils ungewöhnlichen Posen auf ihre Betrachter und präsentieren internationale Designermode in einem außergewöhnlichen Kontext. So erzählen Mrsic’s malerische Arrangements Geschichten aus “fashion heaven” die definitiv zur längeren Betrachtung einladen.
Seit der Eröffnung im Jahr 2000 war JADES immer wieder Stadtgespräch. Zum einen wegen der spektakulären Schaufenster, zum anderen aufgrund der exorbitanten Preise für kalifornische Designer-Jeans, wegen seiner prominenten Kundschaft und natürlich auch wegen des hohen Glitzer-Anteils, sowohl bei den Klamotten als auch bei der Ladendekoration.
Apropos Glitzer; als JADES zu Beginn des neuen Jahrtausends seine Pforten öffnete, sprang Madonna gerade im Video zu ihrer, zum damaligen Zeitpunkt aktuellen Single “Music”, im Cowboy Look mit viel Strass über die Polster einer Stretch-Limousine und löste damit einen neuen Modetrend aus. Plötzlich waren Pailletten und Strass auch bei Tageslicht gefragt. Alle wollten diesen Look und JADES konnte ihn liefern. Mit amerikanischen Premium Denim von “Seven for all Mankind”, “The Great China Wal” und “True Religion”. Doch unter jedem Dach ein “Ach” und so gab es neben einer Menge Bewunderung auch immer wieder Unkenrufe. Vom Luder-Lädchen war die Rede, wo Frauen des Boulevards zwar shoppen aber gewiss keine Damen der Feuilletons einkaufen gehen.
Nach wie vor funkelt es in den Regalen beider Ladenlokale, die Düsseldorferinnen mögen das! Doch JADES als die rheinländische Niederlassung von Swarovski abzuwatschen wird dem anspruchsvollen Sortiment nicht gerecht. Neben Bling-Bling findet Frau hier auch Mondänes in schwarz von Givenchy, Alaia oder Balmain. Die Auswahl an Kollektionsteilen, die Hammerström bei den Orderterminen für ihre Shops trifft, rockt auch im Falle der französischen Luxuslables immer ein wenig mehr als das Angebot der Konkurrenz auf der “Kö, und das ist auch gut so. Denn die Verinnerlichung, das Mode nicht nur Status demonstrieren sondern eben auch Spaß machen soll, gehört zur Unternehmensphilosophie und macht JADES zu dem was es ist: DIE Shopping Attraktion der Stadt, und das seit 10 Jahren. HYPE sagt: Herzlichen Glückwunsch!
P.S. anlässlich des Firmenjubiläums hat JADES ein visuell ansprechendes Magazin herausgebracht, das die illustre Geschichte beider Stores noch einmal in Wort und Bild zusammenfasst. Erhältlich im Shop.
JADES, Heinrich Heine Allee 53, 40213 Düsseldorf, 0211/869 39 69
Ob ich Terry Richardson einen blasen würde, “nur” um mich hinterher auf den Seiten der französischen Vogue bewundern zu können? Ausgeschlossen! Erstens ist der Foto-Nerd nun wirklich nicht mein Typ und zweitens bin ich kein Model! Ganz im Gegensatz zu den jungen Dingern, die unter dieser Berufsbezeichnung ihre Haut zur Marke tragen und dabei, wie alle im Selbstdarstellungsgewerbe, abwägen müssen, wie weit sie für ihr Kariere gehen wollen.
Doch nicht immer liegt diese Entscheidung bei einem selbst, wie aktuelle US-Medienberichte über die sexuell-ambitionierte Arbeitsweise des Modefotografen Terry Richardson jetzt belegen. “Schwanzgesteuerte” Casting-Methoden eines Starfotografen? Für die internationale Modeelite ist dies wahrlich keine Offenbarung. Warum also nun die gesteigerte Aufmerksamkeit in dieser Angelegenheit?
Auslöser für die wachsende öffentliche Wahrnehmung, ist die Verbalattacke des dänischen Ex-Topmodels Rie Rasmussen. Noch immer verärgert über eine nicht eingewilligte Veröffentlichung eines Bildes in Richardsons Fotoband “Terryworld” aus dem Jahr 2004 und wohl auch nachhaltig beschämt über die leibhaftige Erfahrung mit dem Porn-Chic Guru, begegnet die mittlerweile 32-jährige Rasmussen am 8.März in der Pariser Edelbar “Le Montana” dem Sex Knipser.
Sie nutzt den Moment des persönlichen Zusammentreffens und sagt dem ihr verhassten “Egoshooter” ganz unverblümt die Meinung. Ausnahmsweise bekommt Onkel Terry von so viel weiblicher Aggressivität mal keinen Ständer. Das einzige was sich in dieser Minute bei ihm regt ist sein Zorn.
Fluchtartig verlässt er die Bar und ruft am darauffolgenden Tag Rasmussens Agentur “1 Management” in New York an, um sich über die Äußerungen der Entwürdigten zu beschweren. Ein Fehler? Vermutlich hätte die Presse von all dem nichts mitbekommen, doch dank eines geschäftstüchtigen Bookers am anderen Ende der Leitung, gerät die Geschichte schnell in Umlauf.
Den genauen Wortlaut ihrer Kritik an Richardson gibt Rasmussen vier Tage später auf Anfrage der New York Post noch einmal für das breite Publikum zum Besten: “I told him what you do is completely degrading to women. I hope you know you only fuck girls because you have a camera, lots of fashion contacts and get your pictures in Vogue.“
Rasmussen’s Mut einer Branchengröße wie Richardson die Stirn zu bieten zieht eine Welle der Bewunderung nach sich, aber auch viele weitere Anschuldigen anderer Models gegen den erfolgsverwöhnten Fotografen.
Das amerikanische Lifestyle Portal JEZEBEL forderte seine Leser auf, ihre Erfahrungen im Umgang mit Terry Richardson aufzuschreiben und einzureichen. Erste Zuschriften ließen nicht lange auf sich warten.
Die darin beschriebenen Details, wenn auch aufgrund der Anonymität des Internets nicht wirklich verifizierbar, gehen weit über das schmierige Klischee der Besetzungscouch hinaus. Die Rede ist von Gesichtsejakulation, Oralverkehr, und einen zum Teebeutel umfunktionierten, benutzten Tampon. Als Zutaten für einen Pornofilm nachvollziehbar, im Kontext eines Fashion Shootings indiskutabel. Es ist das Phänomen einer auf Oberflächen fixierten Branche, die sich nur auf den Look zu konzentrieren scheint und dabei generell zu wenige Fragen stellt. Alles geht, Hauptsache das Ergebnis sieht irgendwie “cool” aus.
Das Problem dabei sind vor allem die Mädchen. Mit 16, 17 oder 18 Jahren zieht das Versprechen auf Ruhm und kunstvolle Fotos für das Portfolio, das weiß vor allem der Mittvierziger Richardson. Glaubt man den jüngst erhobenen Vorwürfen, agiert dieser am Set entsprechend manipulativ und bringt somit junge Modelanwärterinnen in Situationen, die allein seiner Triebbefriedigung dienen. Nicht jede der Beteiligten hat das Selbstbewusstsein ein überzeugendes NEIN zu formulieren. Erst recht nicht wenn dieses Nein, das Ende einer Kariere bedeutet, die noch gar nicht richtig begonnen hat. Aber auch das weiß Terry Richardson.
Eine skurrile Selbstdarstellung auf YouTube genügt und schon sind sie da, die von Warhol bereits in den 1960er Jahren prophezeiten 15 Minuten Ruhm für Jedermann. Dass Ruhm heutzutage längst nicht mehr mit Spaß und materiellem Wohlstand gleichzusetzen ist, zeigt ein aktuelles Beispiel aus den Tiefen des World Wide Web, dass einen Obdachlosen aus China gegenwärtig als neue Stilikone feiert.
Zahlreiche Modeblogs zeigen aktuell Fotos von einem Mann, der sein Dasein in den Straßen Ningbos fristet und dessen Identität niemand zu kennen scheint. Wozu auch? Webaffine Style-Addicts interessieren sich ohnehin mehr für die Kluft des Entwurzelten als für dessen Herkunft. Sein abgewetzter Lagenlook sorgt unter dem Begriff “Homeless Chic” aktuell für Begeisterung unter übersättigten Fashionistas. Beijings Tageszeitung hat dem Mann bereits einen Artikel auf ihrer Titelseite gewidmet und auch die renommierte Londoner Tageszeitung “The Independent” so wie die italienische “Repubblica” haben sich dem Thema angenommen.
Ob der Betroffene bezüglich seiner unfreiwilligen Internetprominenz glücklich ist und ihm der Status als Fashion Darling darüber hinweg tröstet in zugigen Einkaufshallen übernachten zu müssen? Wohl kaum! Denn der bekannte Unbekannte ist geistig krank, er stammelt mehr als das er spricht und scheint den Rummel um seinen Look keineswegs zu realisieren. Das chinesische Paparazzi und Reporter dennoch ungefragt ihrer Kameras auf ihn richten, wirkt angesichts der Hilflosigkeit des Mannes ein wenig befremdlich. Im Gegensatz zum wirklichen Celebritiy verfügt der Vagabund über keine Rückzugsmöglichkeit. Die auf YouTube und chinasmack.com veröffentlichten Videos wirken verstörend. Hetzjjagd auf chinesische Art?
“BrotherSharp”, wie der geschätzt 35-jährige, gemeinhin genannt wird, hat bereits eine eigene Facebook-Seite. Diese stammt natürlich nicht von ihm, sondern wurde von einem seiner Bewunderer eingerichtet. Hier wurde ihm eine Identität verordnet, die nicht authentisch ist. Mittels Statuszeile werden ihm Worte in den Mund gelegt, die nicht seine sind. Die Seite zählt annähernd 1000 Fans.
Inspiration aufzunehmen wo man sie gerade findet, und das kann eben überall sein, ist die eine Sache, die Frage ist nur, wie gehe ich mit meiner Inspirationsquelle um, nachdem ich mich ihrer zu meinem Vorteil bedient habe? Besonders dann, wenn es sich dabei um benachteiligte, wehrlose Menschen handelt? Sollen diese sich etwa mit der alleinigen Thematisierung ihrer Situation zufrieden geben und froh sein, dass ihrem Schicksal überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt wird? Es gibt Leute, die denken so! Menschen, die in verwüsteten Landstrichen ausschließlich eine reizvolle Kulisse für das nächste Fotoshooting sehen und selbst lebensbedrohlicher Armut noch eine sozialromantische Komponente abgewinnen können. Manche nennen das cool! Andere nennen das gewissenlos.
Sicht einer Bloggerin auf Brother Sharp: Modelqualitäten
Im Internet kursieren Fotos die BrotherSharp in Frauenkleidern zeigen, was den Hype als Stilvorbild zwangsläufig schürt. Die traurige Geschichte hinter dem “Transenlook” besagt, der Mann trägt die Kleider seiner ermordeten Frau auf seinem Leib, um ihr möglichst nahe zu sein. Eine andere Version der Geschichte basiert auf Sehnsucht. Laut einer chinesischen Bloggerin, die BrotherSharp bereits im Jahr 2008 zum ersten Mal auf der Straße begegnete und ihn seitdem regelmäßig aufsucht, sehnt sich sein Herz nach einer Frau, die ihn liebt. So schlüpft der “arme Tropf” vor Sehnsucht manchmal selbst in die Rolle dieser fiktiven ihn liebenden Frau, in gesammelten Kleidern aus dem Müll!
Das einzige was einzelne(!) Stellvertreter der Modeszene und BrotherSharp miteinander verbindet, scheint der Realitätsverlust zu sein.
Susanne Wiebe und Models, photo: by courtesy of ROCCHI PR
Glamour à la bayerische Landeshauptstadt bot vergangenen Freitag Susanne Wiebe’s Fashion Show zum Auftakt der Modemesse “munichfashion.women”. Im großzügigen Glasbau des Audi Zentrums München versammelten sich circa 500 Gäste um bei Häppchen und Schampus die Herbst Winter Kollektion 2010, der in Schwabing ansässigen aber international präsenten Modemacherin zu begutachten und nebenbei einen Blick auf den neuen Audi R8 Spyder zu werfen.
Design auf 4 Rädern folgte später Mode auf zwei Beinen. Doch zuvor zauberte Münchens Oberbürgermeister Christian Ude mit seiner Lobeshymne auf die Stadt als Modestandort, allen Anwesenden ein Lächeln auf die Lippen. Die wenigen Berliner unter ihnen lächelten einfach mit.
Weitere Unterstützung erhielt Wiebe an diesem Abend durch prominente Freunde, die als Pressefutter in der ersten Reihe saßen oder aber als Models fungierten, wie Natascha Ochsenknecht, die den Idealtyp der Wiebe Kundin zu repräsentieren scheint. Selbstbewusst, energisch, lebensfroh! Wiebes Entwürfe für die kommende Wintersaison strotzen geradezu vor weiblicher Kraft! Auf Business Amazonen in Lederleggings folgten gezähmte Rockerbräute in salontauglichen Nietenoutfits. Schwarze Kostüme mit Leder- und Lackapplikationen und kleinen Pagoden Schultern erinnerten ein wenig an Claude Montana, was eine neben mir stehende Dame zu spötteln veranlasste dass das Gezeigte sie doch sehr an die 1980er Jahre erinnere. Macht doch nix, denke ich, war schließlich ne geile Zeit, die 80er.
We love Pink!
Natürlich kann man es nie Allen recht machen. Dafür brachte ein silbernes Plisseedress Moderatorin Gundis Zambo zum Staunen, die in einem royalblauen Etuikleid und farblich passenden Schuhen, den Hingucker in der ersten Reihe bildete. Die Presse interessierte sich jedoch weniger für Zambos Oufit, als vielmehr für ihren jungen, gut gebauten aber noch nie zuvor gesehenen Begleiter. Angeblich ihr Fitnesstrainer; nicht mehr nicht weniger! Dieser hielt seine Hosen gleich mit zwei Gürteln auf den Hüften, wovon einer durch seine mit Glitzersteinen besetzte blinkende LED Schnalle besonders auffiel.
Mir gegenüber sitzt Bunte Society-Expertin Marie Waldburg, in einem mit reichlich Strass verzierten Strickjäckchen und blickt nachdenklich Natascha Ochsenknecht hinterher, als diese ihren Lauf schon fast beendet hatte und das nächste Model bereits am vorderen Ende des Catwalks angekommen war und für die Fotografen posierte. Was das wachsamste Auge der Münchner Schickeria wohl in diesem Moment gedacht haben mag?
Naomi & Otto Kern, photo: by courtesy of ROCCHI PR
Der Gesichtsausdruck von Hemdenkönig Otto Kern ließ sich da schon leichter interpretieren. Offensichtlich fand er Gefallen daran, als seine schöne Gattin Naomi in einem Bustierkleid aus schwarzen Seidensatinfransen vors Publikum stakste und bei jedem einzelnen ihrer Schritte über den Laufsteg die Beine trotz ultrahoher Plateau-Hacken tapfer durchstreckte. Nur Laien knicken bei hohen Absätzen in den Kniekehlen ein!
Als schließlich Cocktaikleider aus Spitze und Pailetten mit Schleife in der Taille ihren Auftritt hatten, zückte auch die Nörglerin neben mir ihr Handy, um festzuhalten was ihren Geschmack getroffen hat. Letztlich kriegt Susanne Wiebe sie alle, die Großstadt-Sirenen, die Diven, die Ladys, die Geschäftsfrauen, die Mütter und auch die Nörglerinnen. “I am every woman” Eine Frau hat eben viele Facetten. In der Erkenntnis diese zu bedienen liegt die Stärke ihres Labels.
Für alle, die das kleine bisschen mehr an Informationen über ihr Lieblingslabel erfahren wollen, bietet das kürzlich erst in Großbritannien erschienene Buch “The Towering World of Jimmy Choo” zahlreiche, bisher unbekannte Fakten zur Geschichte des gerade mal 13 Jahre jungen Schuhlabels .
Interessant dabei ist, dass Firmengründerin Tamara Mellon, den beiden Autorinnen, jegliche Zusammenarbeit verweigerte, jedoch ihre Mutter, Ann Yeardye, ein ehemaliges Chanel Model, zu der sie ein äußerst distanziertes Verhältnis pflegt, die Recherchen für das Buch unterstützte.
Das Tamara Mellon über ein überdimensional großes Ego verfügt, ist in der Branche kein Geheimnis. Von Geburt an überdurchschnittlich privilegiert, besuchte die 1967 in London geborene Tochter des Vidal Sasson Mitbegründers Tom Yeardye, Schulen in Berkshire, Beverly Hills und in der Schweiz. Mit dem Selbstbewusstsein derer, bei denen es die Gene besonders gut gemeint haben, landete die Schöne 1990 , mit gerade mal 23 Jahren, ihren ersten Job als Redakteurin für den Bereich Accessoires bei der britischen Vogue.
Aufgrund des elterlichen Vermögens ohnehin bestens innerhalb London´s Society vernetzt, verschaffte ihr der Posten bei Vogue zusätzlich Prestige in der Modewelt. Mitte der 1990er Jahre entdeckte sie das Talent und die Kunstfertigkeit des damals bereits schon sehr erfolgreichen, aber außerhalb der Modebranche weithin unbekannten Edelschusters Jimmy Choo, und erkannte parallel das Potential von Luxus-Accessoires für die kommenden Jahre. Sie überredete Choo, der bislang in seinem Atelier im Londoner East End lediglich Einzelpaare für Photoproduktionen und die Damen der britischen Upper Class anfertigte, mit ihr zusammen ein professionelles Unternehmen aufzubauen, und seine Kreationen für eine breitere Masse zugänglich zu machen. Eine Vision, wenn man bedenkt, dass die Baguette Tasche von Fendi, der ersten It-Bag, die den Hype um die Designer-Accessoires initiierte, erst 1997 auf den Markt kam.
1996 wurde Jimmy Choo offiziell gegründet. Jimmy Choo beherrschte das Handwerk, Mellon die Vermarktung. Sie hatte die Kontakte, das Geld und die nötige Energie um Jimmy Choo in kürzester Zeit neben Manolo Blahnik als populärsten Schuhdesigner der Gegenwart zu etablieren. Nur fünf Jahre nach seiner Gründung galt das Label als eine der rentabelsten Luxusmarken der Welt. Der Celebrity-Run auf die roten Sohlen von Christian Louboutin folgte erst ein paar Jahre später.
Was nur wenige wissen: Jimmy Choo selbst hat mit dem Design von jeher wenig zu tun. Es ist seine Nichte Sandra Choi, die seit der Unternehmensgründung, in der Position als Kreativdirektorin,verantwortlich für die Schuhkollektionen zeichnet. Zusammen mit Tamara Mellon diktieren die Beiden das komplette Sortiment an vier angestellte Designer. Jimmy Choo selbst hat sich in sein Atelier zurückgezogen und fertigt, wie vor seinem internationalen Duchbruch, wieder handgefertige Schuhe für wohlhabende Socialites unter dem Label “Jimmy Choo Couture”, allerdings in Lizenz von Jimmy Choo Ltd! Die Latschen unter Mellon´s und Choi´s Regie, tragen entweder das Label Jimmy Choo London oder nur Jimmy Choo.
Nun kann man sich berechtigt fragen, wieviel Qualität à la Choo steckt überhaupt noch in der Schuhserie für H&M ?
Jimmy Choo selbst hat mit der globalen Luxusmarke Jimmy Choo nichts mehr zu tun. 2001 hat der Schuhkünstler seinen Anteil an dem Unternehmen an die Firma Equinox Luxury Holdings, für nur 12 Millionen US-Dollar verkauft. Heute gehört das Unternehmen, das seinen Namen trägt, zu 50% der Investorengruppe Muse Hicks Hedge Funds und Tamara Mellon und ist geschätzte 219 Millionen Euro wert.
Die privaten Verhältnisse der Protagonisten untereinader sind verfahren. Man spricht nicht miteinander. Die Geschichte hinter den hohen Hacken ist filmreif. Wer mehr über die irdischen Hintergründe der himmlischen Schuhe wissen möchte, dem sei das Buch der Autorinnen Goldstein Crowe & de Rosen empfohlen.
THE TOWERING WORLD OF JIMMY CHOO ist erschienen bei Bloomsbury (bislang nur in englischer Sprache) erhältlich über amazon.de / € 16,99,-
Schuhe aus der Hand des Meisters: Jimmy Choo Couture. 18 Connaught Street, London (Termine, nur mit persönlicher Vereinbarung)
Eine tote Marke wieder zu beleben ist kein leichtes Unterfangen, erst recht nicht, wenn deren Erzeugnisse mit einem geschmacklich grenzwertigen 1980er Jahre Chic und einer Klientel assoziiert werden, die zwischen Ritas Frisierstübchen und Sonnenstudio Zuhause ist. So zumindest das alte Klischee im Falle von MCM.
Das 1976 von Michael Cromer gegründete Unternehmen fertigte Taschen-und Koffer mit auffälligen Logo-Muster und Goldplakette, die innerhalb weniger Jahre zu Statussymbolen Neureicher, Prominenter und zwielichtiger Wannabees avancierten, und das weltweit!
Die Selbstinszenierung des Gründers ähnelte seinen Produkten, laut und grell. Damit traf Cromer den damaligen Nerv der Zeit. Sei´s drum. Es waren die 1980er! Mitte der 90er Jahre kam der große Einbruch. Die Folgen der Asienkrise und zwei Anzeigen wegen Steuerhinterziehung machten Michael Cromer zahlungs- und handlungsunfähig. “Schicki-Michi” war weg vom Fenster und kurz darauf auch sein Gepäck. In den folgenden Jahren wurde die Firma verramscht. Markenrechte hierhin, Produktion dorthin. Eine undurchschaubare Verhackstückelung. MCM florierte in Deutschland nur noch auf Ebay und in Form von Kopien auf türkischen Basaren.
Schließlich kaufte sich Sung-joo Kim, jahrelange MCM Lizenznehmerin und einer der erfolgsreichten Geschäftsfrauen Asiens, in das dahin dümpelnde Unternehmen ein, schaffte neue Strukturen und setzte somit der undurchsichtigen Existenz der Marke ein Ende. Sie glaubte an das Potential des Unternehmens und investierte bis heute Millionen in den Wiederaufbau. Mit Erfolg!
2005 berief die die toughe Koreanerin Designer Michael Michalsky zum Kreativdirektor des Hauses. Der in Berlin ansässige Modemacher verpasste den Edeltaschen ein gründliches Make-over. Seitdem zeigen sich die Kollektionen urban, jung und modisch.
Dabei ist das MCM Logo aus Antiqua Lettern und Lorbeerzweigen noch immer als all-over Print voll im Einsatz und ziert Taschen, Koffer und Accessoires.
Bei der Präsentation der Frühjahr/Sommer Kollektion 2010 im Bayerischen Hof in München, springt einem sofort die berühmt-berüchtigte cognacfarbene Version der Visetos, wie die PVC beschichteten Baumwolltaschen genannt werden, ins Auge. Daneben aufgereiht, Taschen in der gleichfalls bekannten Farbvariante weiß/marine.
Die alten Dessins wirken vertraut. Ob sie noch zeitgemäß sind, darüber entscheidet letztlich der Kunde.
Abgesehen davon, dass Pythonleder und Pastellfarben bei einigen der neuen Modelle Geschmackssache sind, fällt mein Blick auf eine der Patchwork Taschen von Michalsky, die mich unmittelbar an St. Tropez, Nikki Beach und Paris Hilton denken lassen. Cooles Teil! Schließlich erspähe ich eine schlichte, silbergraue Männer-Tote aus der “City Chic” Linie, die das Zeug zum Klassiker hat. “Haben-will” hämmert es in meinem Kopf!
MCM Spring/Summer 2010 photocredit: MCM
Weitere attraktive Modelle der neuen Kollektion offenbaren sich mir erst Zuhause beim Durchblättern des Kataloges. Die Produktpalette ist umfangreich aber nicht unübersichtlich, und beinhaltet schlichte Teile, die dem Hier und Jetzt, gerecht werden.
Trotz des stilistisch gelungenen Relaunch baumeln noch immer mehr Taschen von Louis Vuitton oder Prada in den Armbeugen modeaffiner Frauen. Die Präsenz von MCM in deutschen Fußgängerzonen ist da vergleichsweise gering. Der Grund hierfür ist nicht das Produkt selbst.
MCM Waren sind bestens verarbeitet, die Applikationen wertig; hier gibt es nichts zu mäkeln.
Es ist vielmehr der alte Ruch von Milieu und Spielerfrau, der viele Kunden, insbesondere diejenigen, die selbst in der Modebranche arbeiten, abhält, sich mit den Taschen zu zeigen.
Das einstige Friseusen-Image der Glamourmarke ist noch nicht völlig vergessen, das neue Image noch nicht gänzlich ausgereift. Bis sich die neue Markenidentität im Bewusstsein der Verbraucher vollständig verankert hat, braucht es noch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein und zweihundertprozentige Stilsicherheit um sich völlig ungeniert zu MCM bekennen zu können. Glücklicherweise haben Fashionistas von Beidem ja bekanntlich genug. Ein prominentes Gesicht als Markenbotschafter könnte die Salonfähigkeit des Labels indes beschleunigen.
Wer immer noch alte Vorurteile hegt, dem sei ein Blick auf die kommende Frühjahr/Sommer Kollektion empfohlen. HYPE hat für Euch vorab nach subjektivem Gusto die sechs coolsten Modelle ausgewählt. Erhältlich ab Dezember in den MCM Stores in Berlin und Düsseldorf. Alle weiteren Verkaufsstellen findet Ihr auf der MCM Homepage.
Es ist der einzige Modeladen in der von schönen Altbauten gesäumten Westermühlstraße in München. Am Gebäude mit der Hausnummer Drei, prangt seit Mittwoch der Schriftzug des Modedesigners Marcel Ostertag.
Der Grund für den Umzug vom angesagten Gärtnerplatz in das hippe Glockenbachviertel, dem Quartier der Gays und besserverdienenden Jungfamilien, ist unspektakulär: Der Modemacher sehnte sich einfach nach einer “cooleren” Location. War die alte Boutique mit angrenzendem Atelier eher ein wenig dunkel und an einer Straßenbahntrasse gelegen, so präsentiert sich der neue Store dank großer Fensterflächen und hohen Decken, hell und freundlich.
Das Interior ist karg; zinkweiss getünchte Wände, ein paar Kleiderstangen links und rechts, eine zur Ladentheke umfunktionierte und mit Mosaiksteinen besetzte Kommode in der Mitte des Raumes, eine Vitrine, ein paar Sessel, zwei Büsten. Das war´s. Ob nun finanzieller Pragmatismus, wie manch einer der Gäste bei der Eröffnungsfeier am Mittwochabend munkelte, oder durchdachtes Konzept, im Mittelpunkt des neuen Ladenlokals steht ganz klar die Kollektion des Modemachers.
Und die gefällt! Seine für den kommenden Winter entworfenen Lederjacken mit Flechtprägung, die aus vielen Einzelteilen zusammengesetzten, grafischen Satinkleider, die Jersey-Leggings mit Lederbesätzen, und diese wunderbar extravaganten Teile aus unzähligen breiten Schlaufen verkörpern allesamt Urbanität und den Charakter von “high fashion at it´s best - Made in Germany”. Von südbayerischer Alpenromantik, Ostertag stammt gebürtig aus Berchtesgaden, keine Spur.
An diesem Abend liegt ein gewisser Stolz im Blick von Marcel Ostertag. Er ist sich seiner Fähigkeiten und Begabung bewusst und strahlt diese Überlegenheit aus, wie all die Menschen die entgegen “gutgemeinter” Ratschläge stets ihrer Vision folgen und damit Erfolg haben. Wer nicht weiß, wie viel Arbeit hinter all der Inszenierung, dem Aufbau einer Marke steckt, der neigt schnell dazu eine derartige Außenwirkung fälschlicherweise als Arroganz zu verurteilen. Marcel Ostertag ist absolut “selfmade”, und lässt sich von Anderen nicht beirren. Warum auch? Seine Rechnung scheint aufzugehen. Die Zusammenkunft der Fashionpeople anlässlich seines Store Openings, darunter Fotografen, Redakteure, Stylisten und Top-Model Kandidatin Caroline Ruppert, bestätigt, dass der Dreißigjährige längst zu einer festen Größe in der Branche geworden ist. Zu etabliert um noch als Geheimtipp zu gelten, aber noch immer weit entfernt vom Mainstream.
Ob er schon als kleiner Junge, von der glamourösen Modewelt geträumt hat? Eigentlich wollte er ja mal Balletttänzer werden, doch aufgrund einer Knieverletzung im Alter von 17 Jahren wurde daraus nichts. So ging er eben einen anderen Weg.
Der Modedesigner hat nach seinem Abschluss am renommierten Central Saint Martins College eine Blitzkariere hingelegt. Nach vielen Jahren in London kehrt er 2006 mit einem Master´s Degree in der Tasche zurück nach Deutschland und gründet noch im selben Jahr sein eigenes Unternehmen. Mit einem Kredit finanziert er seine erste Kollektion. Von München aus erobert er mit seinem “cool city chic” für selbstbewusste Großstadtamazonen die deutsche Modeszene.
Die Teilnahme an diversen Wettbewerben sichert ihm die Aufmerksamkeit der Presse. Moët et Chandon Fashion Debut, Bunte New Faces Award, Karstadt New Generation Award, Furla Accessories Award und viermal Berlin Fashion Week in Folge, sorgen dafür, dass Niemand, der das Geschehen der Modeszene aufmerksam verfolgt, an dem Namen Marcel Ostertag vorbeikommt.
Während das Glockenbachviertel also stolz auf seinen illustren Neuzugang sein kann, darf sich der Rest der Welt auf alles freuen, was von dem Wahlmünchner noch kommen mag.
“Achtung Models, bitte nicht füttern!” Nach den Regeln der Modebranche taugen Frauen mit Kleidergröße 38 nicht mehr als Model. Der favorisierte “Hungry Chic” der im high(est) end Segment tätigen Designer verlangt nach maximal 55 Kilogramm Körpergewicht bei einer Mindestgröße von 175 cm. Alles andere sieht auf dem Laufsteg nur plump aus, und entspricht nicht dem zeitgenössischen Schönheits- ideal. So zumindest die Meinung der maßgeblichen Modemacher.
So hat vor Kurzem Karl Lagerfeld mit seiner Äußerung, das nun wirklich Niemand dicke Frauen sehen wolle, und die Klagen über dürre Mädchen ausschließlich von dicken Muttis kommen, die es sich mit der Chipstüte auf dem Sofa bequem gemacht haben, erneut bestätigt, was alle Fashionistas längst verinnerlicht haben, nämlich das Mädchen mit mehr als 60kg, ganz egal wie hochgewachsen, in der Modelbranche nichts verloren haben. So wiegt Gisele Bündchen bei einer Größe von 180cm gerade mal 58 kg!
Während also Modeschaffende ganz genau wissen was zu “fett” ist und klare Grenzen nach oben definiert haben, scheinen Gewichtsgrenzen nach unten, nur offiziell zu existieren. Ab wann ist dünn eigentlich zu dünn? Das Modeunternehmen Ralph Lauren hat da offenbar seine ganz eigene Messlatte, wie ein Werbefoto, dass nur in Japan veröffentlicht wurde aber seit kurzem im Internet zirkuliert, belegt. Die Aufnahme zeigt das 23-jährige französische Model Filippa Hamilton, grotesk verschlankt mittels Photoshop. Der Kopf breiter als das Becken und dünn wie ein Stock! Übergewichtige Muttis in aller Welt ließen nach Bekanntwerden des Falles ihre Chipstüten links liegen und hievten sich vor ihren Rechner um mit fettigen Fingern ihre Entrüstung via Internet zu verlautbaren.
Was den Skandal noch verschlimmerte ist die Tatsache, das Filippa Hamilton, parallel zur Diskussion um das Horrorbild, von ihren Pflichten als Model für Ralph Lauren entbunden wurde. Nachdem das Model seit 2001 die Klamotten des Hauses beworben hatte und ihre Verträge viermal in Folge erneuert wurden, erhielt sie im April dieses Jahres ein Schreiben der Polo Ralph Lauren Company, indem man ihr mitteilte die Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung beenden zu wollen. Laut Unternehmensleitung habe die Aufhebung der Kooperation jedoch nichts mit dem imageschädigenden Werbemotiv zu tun, sondern ausschließlich mit der unakzeptablen Gewichtszunahme des Mannequins.
Die Begründung der Kündigung liest sich dementsprechend nüchtern: “the relationship ended as a result of her inability to meet the obligations under her contract with us.” Einfach ausgedrückt: Mrs. Hamilton ist zu dick für Mr. Lauren. Willkommen im Modelbusiness.
Auf wiederholte Nachfragen diverser US-Medien gab die Ralph Lauren Company schließlich auch eine Stellungnahme zu der anorektischen Werbeanzeige ab:“For over 42 years we have built a brand based on quality and integrity. After further investigation, we have learned that we are responsible for the poor imaging and retouching that resulted in a very distorted image of a woman’s body. We have addressed the problem and going forward will take every precaution to ensure that the caliber of our artwork represents our brand appropriately.”
Nach Reue klingt das nicht gerade, aber immerhin, eine Reaktion auf einen vermeintlichen Fehler ist für eine Branche an der Kritik üblicherweise abperlt wie Regenwasser an GoreTex Jacken schon ein großes Zugeständnis.
Wie konnte es überhaupt zur Veröffentlichung eines solchen, in jeder Hinsicht mageren Bildes kommen? Angeblich wurde das Bild versehentlich ohne vorherige Prüfung durch die Firmenzentrale in New York in einem japanischen Kaufhaus ausgestellt. Eine Verkettung unglücklicher Umstände also? Angesichts der Tatsache, dass Filippa Hamilton tatsächlich wegen Übergewichts gefeuert wurde möchte man aufgrund der im Nachhinein erfolgten Körperhalbierung, nicht so recht an einen unglücklichen Zufall glauben. Selbst wenn alles nur ein Irrtum gewesen sein sollte, bleibt immer noch die Frage welch verzehrte Wahrnehmung von Schönheit die Person gehabt haben muss, die das Foto digital bearbeitet hat?
Er kam, sah und siegte. Wo immer Wolfgang Joop auftaucht sind Fans, Schaulustige und Medien nicht weit. München, Briennerstraße, auf dem der Bürgersteig vor der Fotogalerie Lumas drängen sich Wartende, überwiegend in Schwarz und Grau gekleidete Menschen aller Altersgruppen. Mit Apperol Sprizz in der einen und Zigarette in der anderen Hand, warten sie auf Deutschlands erfolgreichsten Modemacher, der an diesem spätsommerlichen Freitag Abend, hier seine Modeillustrationen als Reproduktion in limitierter Auflage einem breitem Publikum vorstellt.
Dann ist es endlich soweit, Wolfgang Joop lässt sich im Taxi vorfahren. Flankiert von Assistent und Assistentin, die mit blondem Bob und dem Wunderkind Kleid, genauso gut eines seiner Models sein könnte. Es dauert nicht lange und Wolfgang Joop ist umzingelt. Blitzlichter flackern auf, die Spots der TV-Kameras lassen ihn trotz Dämmerung in hellem Licht erstrahlen. Geduldig steht er den Reportern Rede und Antwort und posiert bereitwillig mit seinen Bewunderern für deren Familienalbum. Und da München eben ein riesiges Dorf ist, trifft man auch stets unverhofft auf alte Bekannte. Überrascht von der Anwesenheit eines ehemaligen Topmodels fallen sich, die schöne Unbekannte und der Modemacher in die Arme. Auch Patrica Riekel, berühmteste Chefredakteurin des Landes und als solche längst selbst eine VIP, ist ebenfalls erschienen um ihren Freund Wolfgang Joop zu begrüßen. Die Zwei wirken sichtlich miteinander vertraut. Unbeeindruckt von den riesigen auf sie gerichteten Fotoobjektiven um sie herum, gehört dieser Moment nur ihnen Beiden. Bussi links, Bussi rechts und weg ist sie wieder, die Queen of Burda.
Es dauert eine Weile bis der Stilguru sich seinen Weg durch die Menge, hinein in den Ausstellungsraum gebahnt hat. Dann endlich kann Dr. Jan Seewald, Pressesprecher von Lumas mit seiner Rede beginnen. Die stickige Luft im übervollen Raum ist vergessen. Alle haben nur noch Augen für ihn, den Dandy aus Potsdam. Viele der Gäste sind ausschließlich wegen Joop hier, nicht wegen seiner Zeichnungen. Im Laufe des Abends sprechen mich zwei ältere Damen an, um mit mit über Kunst zu philosophieren, und mich nach einer Einschätzung bezüglich der von Joop verwendeten Zeichenmaterialen zu fragen. Nun es handelt sich um Reproduktionen. Licht und digitale Pixelmultiplikation möchte ich antworten. Doch natürlich meinen die Damen das Original. “Mischtechnik” antworte ich, “Kohle und Kreide bei Haute Noir, Tempera und Buntstift bei Summer Dress”. Sicher bin ich mir nicht. Mein Lieblingsbild ist “Nadja,” weil es aus einer Zeit stammt, in der ich als Jugendlicher meine Leidenschaft für Mode entdeckt habe und stets an den Lippen Wolfgang Joops hing, wo immer er im TV ein Interview gab. Doch das interessiert hier Niemanden. Auch die Damen möchten mit mir viel lieber über das Original in Persona sprechen. Wolfgang Joop selbst. In welchem Hotel er denn wohne, möchte einer der Beiden wissen. Ich müsste das doch wissen, schließlich sei ich ja von der Presse. Oh je, wie komme ich aus dieser Nummer bloß wieder raus?
Mein Blick wandert zu Wolfgang Joop, meinem Jugendidol, der gerade wieder mal sein Gegenüber unterhält. Ich war noch sehr jung als ich ihn 1995 bei Wetten dass zugeschaut habe wie er Madonna für einen wohltätigen Zweck skizzierte, und wusste dabei nicht wer ich lieber sein wollte, Joop oder der Superstar in schwarzer Lackkorsage. Vierzehn Jahre später treffe ich Deutschlands Medienliebling zum ersten Mal persönlich und stelle fest, dass er tatsächlich so nett ist, wie es ihm nachgesagt wird.
Die Absicht in jedem Falle etwas Kritisches zu schreiben, weil das nun einmal der Anspruch dieses Blogs ist und joviale Produktbeschreibungen schon zu genüge publiziert werden, muss der Erkenntnis weichen, dass es an Wolfgang Joop einfach nichts auszusetzen gibt! Charmant, kommunikativ, gebildet und alles andere als ein Snob. “Willst Du mich heiraten?,” denke ich. Stattdessen frage ich ihn nach der Zeichnung, die er von Madonna gefertigt hat und freue mich wirklich über ihren aktuellen Verbleib informiert zu werden. Ich hatte ein paar Fragen vorbereitet, doch ich möchte keinesfalls die Geduld des Meisters überstrapazieren, indem ich diese umständlich von meinen verknitterten Zetteln ablese, drum improvisiere ich im Folgenden. Wolfgang Joop macht es einem leicht, an jede seiner Antworten lässt sich prima anknüpfen. Er hat immer etwas zu sagen, und so hätte ich ihn noch stundenlang befragen können.
Gerne hätte ich in Erfahrung gebracht, was er gefühlt hat, nachdem er 2001 auch noch seine letzten Firmenanteile an die Wünsche AG verkauft hat und fortan faktisch nichts mehr dem Unternehmen, welches seinen Namen trägt, zu tun hatte. Es hätte mich interessiert was eigentlich aus seiner Beziehung zu seinem russischem Freund geworden ist, den er in New York kennengelernt hat, wie er einst der Bunte erzählte, von dem aber nie ein Foto gedruckt wurde. Zudem wollte ich wissen, von welchem Label seine coole Hose mit den aufgemalten Motiven stammt, die er an diesem Abend trägt. Ich weiß, dass ich mich mit derlei Fragen längst nicht mehr im Rahmen dessen bewege, was der Grund für meine Anwesenheit ist. Das grafische Werk des Designers. Doch Wolfgang Joop hat in seinem Leben mehr geleistet als nur ein paar nette Skizzen von Frauen in Sommerkleidern.
copyright: Wolfgang Joop, www.lumas.de
Neben Jil Sander und Karl Lagerfeld ist Wolfgang Joop der einzige deutsche Modemacher von Weltformat. Der Vollblut-Kreative scheint die Aufmerksamkeit zu genießen. Er flirtet mit dem Publikum, man möchte sagen er hält Hof, doch das trifft es nicht, denn dazu ist der Sympathikus einfach zu nahbar. Seine unprätentiöse Art kommt an. “Meine Kleider kann sich keiner leisten, das hier schon”, scherzt er. Das Bürgertum lacht, nicht über ihn sondern mit ihm.
Was für ein Menschenfänger. Von der Bevölkerung verehrt, wird er von Kollegen, wie dem Modedesigner Konrad Huber, der jahrelang mit ihm in Hamburg zusammenarbeitete und heute das Design der Damenlinie im Hause Bogner verantwortet, hoch geschätzt. Die Herzen seiner Mitmenschen fliegen ihm im Nu zu. Das war schon zu Zeiten, in denen sein Name noch ein Ausrufezeichen zierte der Fall, wie auch im Hier und Jetzt, wo er sich als Kopf von Wunderkind,vom Ruf Markenmachers befreit und als ernstzunehmender Modemacher international etabliert hat. Zweimal Weltkariere in einem Leben.
Stillstand des Flüchtigen lautet der Titel eines Buches, dass die Modeskizzen des studierten Kunsterziehers bündelt. So treffend der Titel für die Gattung der Modegrafik ist, so sehr gilt das Gegenteil für die Person Wolfgang Joop. Flucht vor dem Stillstand müsste es korrekterweise heißen. In einem Alter in dem Andere sich mental auf die Auszahlung ihrer Rente freuen, baut er Wunderkind zur globalen Marke aus. Jüngst führte er unter Wunderkind auch eine Kollektion für Herren ein, die von der Fachpresse mit Lob überschüttet wurde. Er hat Interesse an einer Übernahme des insolventen Wäscheherstellers Schiesser bekundet und Gerüchten zufolge soll ihm auch der Erhalt der Firma Escada am Herzen liegen.
Der Modeschöpfer verabschiedet sich, bettet sich zur Ruhe im Bayerischen Hof, was ich der neugierigen Dame nicht verraten habe. Wolfgang Joop ist weg, was bleibt sind die Reproduktionen seiner wunderbaren Zeichnungen. Ich blicke noch einmal auf das Portrait von Nadja, meinem Lieblingsbild und vermisse dabei seinen Zeichner, das Original!
-von Sven Barthel-