INTERVIEW MIT ROSA von PRAUNHEIM: Eine Begegnung der launigen Art!

Posted: Juli 17th, 2010 | Author: Sven Barthel | Filed under: FASHION INSIDE, FASHION NEWS | Tags: , , , , , , , , , | No Comments »
"New York Memories", Photo: HYPE MAGAZINE

"New York Memories", Photo: HYPE MAGAZINE

Du bist doch höchstens erst 17 !” Danke für das Kompliment aber nein, ich bin tatsächlich schon volljährig und das seit mehr als 10 Jahren. “Dann hast Du vermutlich viel Geld in Schönheitsoperationen investiert !?” Nein Rosa, das auch nicht. “Fahren Päderasten eigentlich auf dich ab?” Ähm, darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht, jedenfalls finde ich ältere Männer nicht uninteressant. Im Gegensatz zu den meisten postpubertären Jungs haben die wenigstens etwas zu erzählen. “Wie alt ?” hakt er nach. Mit Männern bis 50 halte ich eine Beziehung für vorstellbar, antworte ich und denke dabei kurz an George Clooney. Ende der Nachfragen! Monsieur von Praunheim wird im November dieses Jahres 68.

Das Gespräch mit dem Kultregisseur und Deutschlands Schwulenikone im Anschluss an eine Signierstunde in einem Münchner Buchladen, im nach wie vor hippen Glockenbachviertel, beginnt zunächst schwungvoll. Wir nehmen Platz auf der Terrasse eines Cafés. Doch dem Filmemacher ist es dort zu heiß an diesem frühen Freitag Abend und so wechseln wir die Lokalität nach nur 2 Minuten, um im wesentlich schattigeren Bistro auf der gegenüberliegenden Straßenseite erneut Platz zu nehmen. Hier packe ich meinen Fragenzettel und mein Diktiergerat auf den filigranen, blass-gelb lackierten Metalltisch. Rosa ordert eine Afri-Cola und eine Gemüse-Lasagne. Ich schlage vor, ihn erst einmal in Ruhe sein Essen genießen zu lassen bevor wir mit dem Interview anfangen, worauf der Filmemacher entgegnet, er genieße seine Mahlzeiten für gewöhnlich nie. Infolgedessen bittet er mich loszulegen. Er beantwortet alle meine 15 Fragen souverän. Nach jeder Antwort lasse ich ihm ein wenig Zeit für einen Bissen von seiner Pasta.

Doch an irgendeiner Stelle während dieses Interviews muss es passiert sein: Herr von Praunheim verliert das Interesse. An mir und dem Interview, jedoch nicht an seinem Essen. Quält ihn etwa meine Frage nach dem Alter? In seinem Film “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” heißt es an einer Stelle: “der alte Schwule hat nichts zu lachen”. Ich frage ihn daher, ob er, der langsam aber sicher auf die 70 zusteuert, sich auch zu den alten Schwulen -die nichts zu lachen haben- zählt. Ist das respektlos? Die Frage müsste doch eigentlich genau nach seinem Geschmack sein, schließlich war er es doch, der einst verkündete, er hasse “Anpasser”.

Gewiss, Austeilen ist die eine Sache, darin war von Praunheim schon immer gut. Mit Würde einstecken, das können nur die Wenigsten, am allerwenigsten diejenigen, die selbst gerne austeilen. Ob er den reich geworden sei durch seine Filme, ob Hape Kerkeling und Alfred Biolek nach ihrem Zwangsouting durch ihn jemals wieder ein Wort mit ihm gewechselt haben  möchte ich wissen, und auch, wie er, der dem Magazin Spiegel gestand promiskuitiv zu leben, es eigentlich mit Sex im Alter hält ?

Auf alles hat Rosa eine kluge Antwort, doch offenbar verdüstern meine Erkundigungen seine Stimmung, verderben ihn aber wenigstens nicht den Appetit. Er verspeist seine Lasagne vollständig. Anstandshalber übernehme ich die Rechnung. Ein Dankeschön bleibt aus. Unmittelbar nach der Beendigung des Interviews fährt das von der Kellnerin gerufene Taxi vor um Herrn von Praunheim und seinen Lebensgefährten Oliver in das City-Kino in der Sonnenstraße zu chauffieren. Hier wird der Regisseur seinen neuen Film “New York Memories” vorstellen. Dort werden wir uns in wenigen Minuten wiedersehen. Ich reiche Rosa zum Abschied meine Hand. Hätte ich darauf verzichtet, wäre er vermutlich völlig wortlos in das Taxi eingestiegen. Ein Stunde später treffe ich ihn wieder. Er spricht mit einem Redakteur des Bayerischen Rundfunks, der “New York Memories” mitfinanziert hat.
Noch immer trägt von Praunheim  eine dunkelblaue Jogginghose und ein schwarzes Schlabbershirt zu schwarzen Gesundheitslatschen.

Um die Wartezeit bis zur Vorführung zu überbrücken plaudere ich ein wenig mit seinem Freund, der bei einer Berliner Schwulenberatung arbeitet und dort für Seniorenfragen zuständig ist. Ob sie sich dort auch kennengelernt haben? Wie ich später erfahre, ist der wesentlich jüngere Oliver seit nunmehr 2 Jahren mit Rosa liiert und durfte ihn sogar bei den dreimonatigen Dreharbeiten in New York 2009 begleiteten. Laut Rosa liebt sein Lover die Metropole an der Ostküste wie kaum eine andere Stadt, wovon man im persönlichen Gespräch mit ihm allerdings überhaupt nichts merkt. Auf meine Anekdoten aus dem Big Apple, in dem ich selbst für eine kurze Zeit gelebt habe, reagiert Oliver nahezu leidenschaftslos.

Nachdem die Premierengäste, ca. 30 ältere Damen und Herren, darunter die auch die obligatorischen Alt-HIVler, im Kinosaal ihre Sitzplätze eingenommen haben, bei einigen Besuchern überkam mich beinahe das Pflichtgefühl ihnen zu ihrer Portion Popcorn noch eine Bettpfanne zu reichen, initiiert Rosa auf dem Podium vor der Kinoleinwand einen verbalen Rückblick  seines künstlerischen Schaffens. Sein Monolog mutet recht kurzweilig an, denn tatsächlich hat der Mann zahlreiche interessante Menschen getroffen und sich selbst so viele außergewöhnliche Momente geschaffen, wie es anderen nicht mal in zwei Leben gelingen würde. Wer bitteschön kann schon von sich behaupten, eine Live -Sex-Performance in New York aufgeführt zu haben. Ficken auf der Bühne unter dem Deckmantel der Kunst. Das scheint mir typisch von Praunheim.

Definitiv teile ich seine Leidenschaft für das Unbequeme und alles Unkonventionelle, für New York, wie auch den Fakt in Frankfurt am Main aufgewachsen zu sein. Doch davon weiß Rosa nichts. Die Lichter fahren runter, Rosa verlässt den sich langsam verdunkelnden Saal. Mit Sicherheit hat er seinen eigenen Film schon zu Genüge gesehen. Der dramaturgische Einstieg in die Thematik ist direkt und unmittelbar. New York. Ich liebe Filme, die mit einer Panoramaaufnahme der einwohnerstärksten Stadt der USA oder gar mitten auf einer ihrer lebendigen Straßen beginnen. Die Dokumentation ist eine Art Fortsetzung des Films “Überleben in New York” aus dem Jahr 1989, in dem drei Frauen bei ihrem Vorhaben in dieser Stadt Fuß zu fassen mit der Kamera begleitet wurden. “New York Memories” zeigt nun was aus den Frauen geworden ist und wie sie heute leben.

Eine von ihnen ist Claudia Steinberg. Die gebürtige Essenerin schreibt regelmäßig für die deutsche Vogue und muss finanziell, man höre uns staune, trotzdem um ihr Überleben in Manhattan kämpfen. Wobei fraglich ist, wie jemand, der bereit ist 50 US-Dollar für ein Pfund Spinat auf dem “Farmers Market” zu zahlen, wirkliche Existenzängste haben kann. Dennoch, Steinbergs Biographie, wie auch die der anderen Protagonisten, inspiriert.

Der Film verdeutlicht wie es schwer ist, vor allem für Neuankömmlinge, sich in Gotham City zu etablieren. Und es wird scheinbar immer schwieriger. Die Angst vor Arbeitslosigkeit beherrscht die Mittelschicht. Aufgrund der von Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani eingeführten und seinem Nachfolger Michael Bloomberg fortgeführten “zero tolerance” Stadtpolitik gibt es zudem so gut wie keine kreative Underground-Szene mehr. Andy Warhol, Studio 54, Halston liegen gefühlte 1000 Lichtjahre zurück. Manhattan präsentiert sich heute sauber, reich und weiß!

Trotzdem die Bewohner der Perle am Hudson River quasi rund um die Uhr arbeiten müssen um irgendwie die 1800 Dollar für ihr winziges 1-Zimmer Apartment begleichen zu können, halten sie “ihrer” Stadt die Treue. Sie hegen die Hoffnung auf bessere Zeiten, wachsen an den Herausforderungen. Es ist der abgegriffene Traum vom “Tellerwäscher zum Millionär” oder zeitgemäßer ausgedrückt, die Möglichkeit zur hundertprozentigen Selbstverwirklichung, die die New Yorker die Strapazen der Existenzsicherung freiwillig aufnehmen lässt. Die enorme Flexibilität welche die Einwohner dabei an den Tag legen und deren Fähigkeit zur konstanten Selbstmotivation lassen  deutsche Lebensläufe im Vergleich da fast schon träge aussehen.

Im Bemühen die Situation zwischen Rosa und mir ein wenig zu optimieren, gehe ich nach der Vorführung auf ihn zu und sage ihm wie inspirierend ich seinen Film fand.  So  gewährt  “New York Memories” dem Zuschauer doch authentische Einblicke in die Gegenwart einer der aufregendsten Städte der Welt, frei von naiv-touristischer Schönfärberei.

Als ich von Praunheim frage, was es wohl sei, dass die Menschen trotz des anstrengenden Überlebenskampfes an diese Stadt bindet, murmelt er desinteressiert, etwas vom Gigantismus New Yorks. Wirklich aufschlussreich ist das nicht. Eine Rentnerin, die den Regisseur um ein Autogramm bittet unterbricht unsere stockende Konversation. Diskret trete ich einen Schritt zur Seite und schaue zu wie Rosa mit Kugelschreiber seine Signatur auf den Fächer der alten Dame kritzelt. Als er fertig ist, hebt er den Kopf ohne mich noch einmal anzublicken und schaut demonstrativ in eine andere Richtung. Schließlich zieht er wortlos von dannen. Ich frage mich ob mein Dior-Deo versagt hat und wo der Kasus-Knacktus zwischen uns liegen könnte. Ich begebe mich aus dem Kino-Foyer ohne mich von ihm zu verabschieden. Auf dem Weg zurück ins Büro frage ich mich desweiteren,  ob ich das Verhalten von Praunheims nun als unbegründet zickig oder einfach nur als “verhaltensoriginell” einstufen soll, und komme letztlich zu dem Schluß, dass mir zwar der Film gefiel aber  nicht die Launenhaftigkeit seines Schöpfers.

“Die Unfähigkeit sich zu verstehen weil man zu sehr seiner eigen Person verhafte bleibt führt bald zum tragischen Ender eine romantischen Freundschaft” ist im Praunheimschen Filmklassiker “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” von 1971 zu hören. Mit Begeisterung stelle ich fest, dass die Erkenntnisse des Regisseurs zum schwulen Sozialverhalten auch 39 Jahre nach ihrer erstmaligen Verlautbarung noch immer gültig sind. Eine leibhaftige Begegnung mit Rosa von Praunheim ist der beste Beweis dafür.

(Text: Sven Barthel)


GQ MAGAZIN: ERSCHÜTTERNDER ARTIKEL ÜBER HOMOSEXUALITÄT IM IRAK

Posted: Dezember 21st, 2009 | Author: Sven Barthel | Filed under: FASHION NEWS | Tags: , , , , , , , , | 1 Comment »

GQ Cover Januar 2010

GQ Cover Januar 2010

Ein großes Kompliment gebührt den Machern des Modemagazins GQ für ihren Mut neben unterhaltsamer  Lifestyle-Berichterstattung auch brisante Themen anzugehen.

So findet sich in der aktuellen Januar Ausgabe ein höchst aufrüttelnder Artikel über den Umgang mit Homosexualität im Irak, der mich bereits während des Lesens immer wieder ungläubig den Kopf schütteln ließ. Unter dem Titel “Das Gay Massaker von Bagdad” berichtet der Autor von schwulen Männern, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung, ein Leben auf der ständigen Flucht vor ihren Peinigern führen. Ihr einziger Begleiter dabei ist die Angst!

Angst davor denunziert, verraten und aufgespürt zu werden. Homosexualität gilt im Irak als illegal und wird laut Gesetz mit bis zu 7 Jahren Gefängnisstrafe geahndet. Was nüchtern klingt, gestaltet sich für die Betroffenen jedoch weitaus dramatischer. Tatsächlich müssen Homosexuelle im Irak um ihr Leben bangen.

Ganz offiziell hingegen wird Homosexualität im Iran, wie übrigens auch im Jemen und im afrikanischen Mauretanien per Gesetz mit der Todesstrafe quittiert. Dazu muss es noch nicht einmal zu nachweisbaren sexuellen Handlungen unter Männern gekommen sein. Ein Verdacht und die Anzeige eines Denunzianten genügen um eine Kette aus Repressalien, Demütigungen und fortwährender Verfolgung in Gang zu setzen.

Dass Homosexualität in ausnahmslos allen islamischen Staaten nicht gern gesehen wird, ist bekannt. In vielen dieser Länder wie bspw. Algerien, Saudi-Arabien, Afghanistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten aber auch in den bei Deutschen beliebten Urlaubsländern wie Marokko, Kenia und Mauritius ist Homosexualität strafbar und gesellschaftlich tabuisiert. In wenigen muslimischen Ländern wie bspw. Jordanien verbieten Gesetze zwar die Verfolgung von Homosexuellen, doch liegen hier zwischen kommunizierter Theorie und angewandter Praxis in Wahrheit Welten.

Dort wo Religion (die immer interpretierbar ist) und Politik einander vermischen, kann es keine echte Demokratie geben. Hier bleibt das Gesetz ein Ackerfeld, das scheinbar Jeder nach individuellem Gusto bearbeiten darf. Gewiss, andere Länder, andere Sitten, mag manch Einer an dieser Stelle einwerfen, doch diese Phrase kann nicht als Entschuldigung dienen Wegzusehen wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Bei allem Respekt vor der Religionsfreiheit und einen daraus resultierenden unterschiedlichen Wertekanon, Toleranz darf niemals in passive Akzeptanz von inhumanen Zuständen münden. Wir sind eine Welt! Egal ob christlich, muslimisch, jüdisch oder hinduistisch. Es gibt keine Rechtfertigung Homosexuellen den After zuzukleben und sie anschließend dazu zu zwingen Unmengen Abführmittel zu schlucken und Wasser zu trinken, bis der Darm platzt.

gq-artikel-web


Dies sind keine reißerischen Darstellungen von Ausnahmepraktiken sondern die traumatischen Erlebnisse von Menschen wie Du und Ich. Sie haben einen Kopf, Augen, Mund und Nase, zwei Arme und zwei Beine, doch leben sie in einem Land in dem das Recht auf Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeit ist.

Warum dieser Artikel, werdet ihr Euch vielleicht fragen?
Natürlich wollen wir Euch keinesfalls die Freude auf das Weihnachtsfest vermiesen. Doch wie ihr wisst, ist Weihnachten, auch das Fest der Nächstenliebe und der Besinnung. Während wir uns für ein paar Tage im Kreise unserer Freunde und Familie vom Alltagstrott ausklinken, gibt es Menschen die auch in dieser Zeit unsere Hilfe brauchen.

Wer also neben der Parfumpulle von Prada noch ein paar Euros für den guten Zweck erübrigen kann dem möchte ich in Anlehnung an den im GQ Magazin erschienenen Artikel von Matthew McAllester auf die Organisation “Human Rights Watch” mit Hauptsitz in New York und einer deutschen Vertretung in Berlin aufmerksam machen.

Die weltweit führende, unabhängige Nichtregierungsorganisation, setzt sich für den Schutz und die Verteidigung der Menschenrechte ein, indem sie die internationale Öffentlichkeit auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam macht und Einfluss auf politische Entscheidungsträger zu nehmen versucht.

Informationen über die Arbeit von “Human Rights Watch” findet Ihr unter www.hrw.org/de

Spendenkonto:

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