Novum: Journalist kritisiert CHANEL – darf der das?

Posted: August 16th, 2010 | Author: Sven Barthel | Filed under: FASHION INSIDE, FASHION NEWS | Tags: , , , , , , , | 1 Comment »

Photo: HYPE MAGAZINE

Photo: HYPE MAGAZINE

Das Modehaus CHANEL gilt allgemein als unantastbar- kein Modejournalist, ob nun von der Fach- Publikums- oder Tagespresse, hat es gewagt, seit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Karl Lagerfeld 1983, Kritik an dem im Jahre 1909 von Mademoiselle Gabrielle “Coco” Chanel gegründeten Unternehmen zu üben, ebenso wenig wie an dessen kreativen Kopf selbst, der vom Chanel Hauptquartier in der Pariser Rue Cambon aus bestimmt, was gerade en vogue ist. Alle buhlen sie um die Gunst des Kaisers und um gute Platzierungen bei dessen fashion-shows.

Es geht das Gerücht um, das allzu unbequeme Schreiberlinge den Ausschluss aus Karls Hofstaat zu befürchten hätten. Mark Ritson, seines Zeichens Professor für Marketing an der Melbourne Business School, vielfach ausgezeichneter Kolumnist und einer der renommiertesten Marketingberater weltweit, dürfte demnach künftig keine Einladungen mehr erhalten. Schließlich überraschte der Brite die Reporter-Zunft und womöglich auch das Haus Chanel jüngst in einem von ihm verfassten Artikel in der Fachzeitschrift “Marketing Week” mit der Aussage, die Marke Chanel sei gerade dabei, eine gehörige Portion Staub anzusetzen.

Man könnte solch eine Aussage angesichts des unermüdlichen Schöpfertums Lagerfelds als Verunglimpfung abtun, wäre Ritsons Reputation nicht so tadellos, und hätte er nicht jahrelang im Luxuskonsortium LVMH als Image-Berater gedient, so aber schenken zumindest Werbetreibende, Marketingfachleute und PR-Berater seiner Einschätzung zur Lage der Marke Chanel erhöhte Aufmerksamkeit.

Nach Meinung Ritsons habe das sich in Privatbesitz der Brüder Alain und Gerard Wertheimer befindende Luxusunternehmen Schwierigkeiten, stilistische Innovation unter gleichzeitiger Wahrung der Firmentradition zu generieren. Für diesen Missstand hat der Marketing-Profi vier wesentliche Gründe eruieren können.

So sei zum einen die Schaufenstergestaltung der Chanel-Boutiquen wenig progressiv und auch die jeweils aktuelle Kollektion leider allzu oft eine Wiederholung der vorangegangen. “Its shop windows lack inspiration, the new collections are a little too derivative and the clientele looks older to me on each visit.

Chanel Schaufenster am Ku'Damm Berlin, Photo: HYPE MAGAZINE
Chanel Schaufenster am Ku’Damm Berlin, Photo: HYPE MAGAZINE

Desweiteren seien die in den vergangenen zwei Jahren veröffentlichten Filmbiographien “Coco avant Chanel” sowie “Coco Chanel und Igor Stravinsky” nicht gerade die beste PR für das Label gewesen, beschäftigen sich beide Streifen doch ausschließlich mit der Vergangenheit der Firmengründerin, was sich im Falle der Firma Chanel nicht mit deren eigentlichem Innovationsanspruch verträgt.

Darüber hinaus habe das Unternehmen die frühzeitige Expansion in China, einem der wichtigsten Wachstumsmärkte für Luxusgüter überhaupt, verschlafen.

Zu guter letzt moniert Ritson die Zahlung einer Rekordmiete für einen neuen Store an Londons nobler New Bond Street, wodurch sich Chanel eher in die Position eines Nachahmers begeben habe, statt der Rolle des Pioniers zu entsprechen, da Konkurrent Louis Vuitton seinen von dem New Yorker Star-Architekten Peter Marino gestalteten und direkt gegenüber gelegenen Shop der Superlative bereits Wochen zuvor eröffnete.

Um seinen subjektiven Eindrücken mehr Substanz zu verleihen stützt Ritson seine These auf eine empirische Untersuchung des Marktforschungsinstituts “Millward Brown”, einem der weltweit größten Marktforschungsinstitute mit dutzenden Dependancen. Laut deren Studie hätten die drei führenden Luxusunternehmen Louis Vuitton, Hermès und Gucci bedeutend an Wert hinzugewonnen, während der Markenwert von Chanel, derzeit auf Platz 4 der Top-Luxusmarken, innerhalb der vergangenen 12 Monate um 11% gesunken sei. Dies ist wahrlich nur schwer zu überprüfen, da Chanel selbst keine Zahlen veröffentlicht.

Nun wird Chanel, dessen Strahlkraft so unvergleichlich stark ist und dessen Logo so begehrt wird wie kaum ein anderes, mit dieser Einschätzung zunächst einmal Leben müssen – eine Stellungnahme des Hauses zur Analyse Ritsons ist bisher nicht erfolgt.
Was nach der Veröffentlichung Ritsons mutigen Schriftsücks bleibt ist weniger die Frage, ob die Marke Chanel schon Patina angesetzt hat, als vielmehr ein Denkanstoß für alle Modejournalisten, wieder mehr Mut zur eigenen Meinung zu etablieren.

Denn wie FAZ Redakteur Dr. Alfons Kaiser bereits treffend in seinem Artikel: “Verzweifelt gesucht: Mut zur Meinung! Vom möglichen Ende der Käuflichkeit im Mode-System.” für das Magazin ACHTUNG Zeitgeist schrieb, …ist es an der Zeit, Abschied zu nehmen von einem lange ungefragt akzeptierten Missstand, der am Ende das ganze Berufsbild des Modejournalisten in Frage gestellt hat.”
(Text: Sven Barthel)


Fashion-Pranger: Kritik an GEIL MAGAZINE Chefredakteur verdichtet sich

Posted: Juli 19th, 2010 | Author: Sven Barthel | Filed under: FASHION INSIDE, FASHION NEWS | Tags: , , , , , , , | 5 Comments »

GEIL MAGAZINE

GEIL MAGAZINE

Ein Leser des Modeblogs LesMads hat vergangene Woche die Kommentarfunktion zu einer besonders spannenden Stellungnahme genutzt. Modejournalist Fabian Koelmel, hat mit seinem “würzigen” Kommentar zu Daniel Mancinetti, dem Chefredakteur des in Berlin ansässigen GEIL Magazins, sehr viel Mut und aufgrund der Tatsache, dass er seinen Post nicht anonymisiert hat, noch mehr Rückgrat bewiesen, und dadurch im HYPE Office auch eine interessante Diskussion um die Seriosität einzelner Medienvertreter und Modeschaffender ins Rollen gebracht.

Was ist passiert? LesMads berichtete am Samstag über die aktuelle Herbst/WinterAusgabe des GEIL MAGAZINE, einer noch recht jungen Fashion-Gazette für das starke Geschlecht, welche dieses Mal in drei Cover-Varianten angeboten wird. Fabian Koelmel, der u.a . für die Publikationen Tush, FHM und L’OFFICIEL HOMMES schreibt, nimmt diesen Beitrag zum Anlass um seine negativen Erfahrungen im Umgang mit dem Chefredakteur via Kommentarfunktion öffentlich zu machen, und teilt ordentlich aus.

Er berichtet von einer zweifelhaften Arbeitsweise Mancinettis, bezeichnet ihn als Betrüger und bezichtigt ihn gar der Lüge und des Diebstahls. So soll Mancinetti für seine zweite Ausgabe bei Koelmel zwar ein Textkonzept in Auftrag gegeben, dieses aber niemals umgesetzt und auch nicht bezahlt haben. Starker Tobak! Interessanterweise finden Koelmels Behauptungen, von vier weiteren Kommentatoren (allesamt männlich), schnell Unterstützung. Und tatsächlich findet man in den Untiefen des Webs Stimmen, wie z.B. Leserkommentare des Blogs The Fashionisto, die von unsauberen Arbeitsmethoden Daniele Mancinettis künden.

Screenshot of The Fashionisto
Screenshot of The Fashionisto

Nun gehört es zwar zum Tagesgeschäft eines Chefredakteurs Inhalte, und dazu zählen bereits erarbeitete Modestrecken wie auch Textdokumente, bis Druckschluss immer wieder zu verwerfen, um ein optimales redaktionelles Resultat zu erzielen. Dies allein stellt gewiss kein Verbrechen dar. Allerdings sollte man sich als Heftmacher im Vorfeld überlegen, ob man in der Lage ist Rechnungen zu begleichen bevor man weitere Arbeiten in Auftrag gibt. Die Erstellungskosten für ein Modemagazin im Auge zu behalten, zählt eben auch zu den Pflichten eines Chefredakteurs. Womit wir auch schon beim Kern der Problematik angelangt werden. Der Fake-Biographie.

Immer mehr junge Menschen ohne jedwede Fachkompetenz schmücken sich mit Titeln, die ihnen eigentlich nicht gebühren und dass auf völlig legale Art und Weise. Denn Begriffe wie Chefredakteur, Journalist, Modedesigner und Stylist sind keine geschützten Berufsbezeichnungen. Ganz zum Leidwesen aller Chefredakteure, Modedesigner und Stylisten, die wirklich qualitativ hochwertige Arbeit leisten. Unterstützt von den komfortablen Mechanismen und Anwendungen des Web 2.0, ist heute nahezu jeden Depp, der eine Computertastatur bedienen kann, in der Lage sich als zweiter Lagerfeld oder Catwalk-Queen zu inszenieren.

“Das traurige ist…”, schreibt LesMads Kommentator Leif, “dass es funktioniert.” Noch viel trauriger ist jedoch, dass kaum jemand den dargebotenen Schund kritisch hinterfragt, und selbst etablierte (Print-)Medien und Boulevard-Sendungen sich ihrer Themen mittlerweile bei Modeblogs bedienen und diese völlig unreflektiert verbreiten.

Fast schon möchte man Herrn Koelmel gratulieren mit seinem Kommentar, endlich etwas Bedeutsames in das Dickicht des allzu oft bedeutungslosen Blog-Palawers gestreut zu haben, wäre da nicht die grundsätzliche Frage, ob es richtig ist , Menschen deren Schuld nicht eindeutig bewiesen oder deren vermeintliches Fehlverhalten nicht näher verifizierbar ist, öffentlich an den Pranger zu stellen? Wohl kaum. Aber auch das ist Web 2.0!

(Text: Sven Barthel)

website: GEIL MAGAZINE


INTERVIEW MIT ROSA von PRAUNHEIM: Eine Begegnung der launigen Art!

Posted: Juli 17th, 2010 | Author: Sven Barthel | Filed under: FASHION INSIDE, FASHION NEWS | Tags: , , , , , , , , , | No Comments »
"New York Memories", Photo: HYPE MAGAZINE

"New York Memories", Photo: HYPE MAGAZINE

Du bist doch höchstens erst 17 !” Danke für das Kompliment aber nein, ich bin tatsächlich schon volljährig und das seit mehr als 10 Jahren. “Dann hast Du vermutlich viel Geld in Schönheitsoperationen investiert !?” Nein Rosa, das auch nicht. “Fahren Päderasten eigentlich auf dich ab?” Ähm, darüber habe ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht, jedenfalls finde ich ältere Männer nicht uninteressant. Im Gegensatz zu den meisten postpubertären Jungs haben die wenigstens etwas zu erzählen. “Wie alt ?” hakt er nach. Mit Männern bis 50 halte ich eine Beziehung für vorstellbar, antworte ich und denke dabei kurz an George Clooney. Ende der Nachfragen! Monsieur von Praunheim wird im November dieses Jahres 68.

Das Gespräch mit dem Kultregisseur und Deutschlands Schwulenikone im Anschluss an eine Signierstunde in einem Münchner Buchladen, im nach wie vor hippen Glockenbachviertel, beginnt zunächst schwungvoll. Wir nehmen Platz auf der Terrasse eines Cafés. Doch dem Filmemacher ist es dort zu heiß an diesem frühen Freitag Abend und so wechseln wir die Lokalität nach nur 2 Minuten, um im wesentlich schattigeren Bistro auf der gegenüberliegenden Straßenseite erneut Platz zu nehmen. Hier packe ich meinen Fragenzettel und mein Diktiergerat auf den filigranen, blass-gelb lackierten Metalltisch. Rosa ordert eine Afri-Cola und eine Gemüse-Lasagne. Ich schlage vor, ihn erst einmal in Ruhe sein Essen genießen zu lassen bevor wir mit dem Interview anfangen, worauf der Filmemacher entgegnet, er genieße seine Mahlzeiten für gewöhnlich nie. Infolgedessen bittet er mich loszulegen. Er beantwortet alle meine 15 Fragen souverän. Nach jeder Antwort lasse ich ihm ein wenig Zeit für einen Bissen von seiner Pasta.

Doch an irgendeiner Stelle während dieses Interviews muss es passiert sein: Herr von Praunheim verliert das Interesse. An mir und dem Interview, jedoch nicht an seinem Essen. Quält ihn etwa meine Frage nach dem Alter? In seinem Film “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” heißt es an einer Stelle: “der alte Schwule hat nichts zu lachen”. Ich frage ihn daher, ob er, der langsam aber sicher auf die 70 zusteuert, sich auch zu den alten Schwulen -die nichts zu lachen haben- zählt. Ist das respektlos? Die Frage müsste doch eigentlich genau nach seinem Geschmack sein, schließlich war er es doch, der einst verkündete, er hasse “Anpasser”.

Gewiss, Austeilen ist die eine Sache, darin war von Praunheim schon immer gut. Mit Würde einstecken, das können nur die Wenigsten, am allerwenigsten diejenigen, die selbst gerne austeilen. Ob er den reich geworden sei durch seine Filme, ob Hape Kerkeling und Alfred Biolek nach ihrem Zwangsouting durch ihn jemals wieder ein Wort mit ihm gewechselt haben  möchte ich wissen, und auch, wie er, der dem Magazin Spiegel gestand promiskuitiv zu leben, es eigentlich mit Sex im Alter hält ?

Auf alles hat Rosa eine kluge Antwort, doch offenbar verdüstern meine Erkundigungen seine Stimmung, verderben ihn aber wenigstens nicht den Appetit. Er verspeist seine Lasagne vollständig. Anstandshalber übernehme ich die Rechnung. Ein Dankeschön bleibt aus. Unmittelbar nach der Beendigung des Interviews fährt das von der Kellnerin gerufene Taxi vor um Herrn von Praunheim und seinen Lebensgefährten Oliver in das City-Kino in der Sonnenstraße zu chauffieren. Hier wird der Regisseur seinen neuen Film “New York Memories” vorstellen. Dort werden wir uns in wenigen Minuten wiedersehen. Ich reiche Rosa zum Abschied meine Hand. Hätte ich darauf verzichtet, wäre er vermutlich völlig wortlos in das Taxi eingestiegen. Ein Stunde später treffe ich ihn wieder. Er spricht mit einem Redakteur des Bayerischen Rundfunks, der “New York Memories” mitfinanziert hat.
Noch immer trägt von Praunheim  eine dunkelblaue Jogginghose und ein schwarzes Schlabbershirt zu schwarzen Gesundheitslatschen.

Um die Wartezeit bis zur Vorführung zu überbrücken plaudere ich ein wenig mit seinem Freund, der bei einer Berliner Schwulenberatung arbeitet und dort für Seniorenfragen zuständig ist. Ob sie sich dort auch kennengelernt haben? Wie ich später erfahre, ist der wesentlich jüngere Oliver seit nunmehr 2 Jahren mit Rosa liiert und durfte ihn sogar bei den dreimonatigen Dreharbeiten in New York 2009 begleiteten. Laut Rosa liebt sein Lover die Metropole an der Ostküste wie kaum eine andere Stadt, wovon man im persönlichen Gespräch mit ihm allerdings überhaupt nichts merkt. Auf meine Anekdoten aus dem Big Apple, in dem ich selbst für eine kurze Zeit gelebt habe, reagiert Oliver nahezu leidenschaftslos.

Nachdem die Premierengäste, ca. 30 ältere Damen und Herren, darunter die auch die obligatorischen Alt-HIVler, im Kinosaal ihre Sitzplätze eingenommen haben, bei einigen Besuchern überkam mich beinahe das Pflichtgefühl ihnen zu ihrer Portion Popcorn noch eine Bettpfanne zu reichen, initiiert Rosa auf dem Podium vor der Kinoleinwand einen verbalen Rückblick  seines künstlerischen Schaffens. Sein Monolog mutet recht kurzweilig an, denn tatsächlich hat der Mann zahlreiche interessante Menschen getroffen und sich selbst so viele außergewöhnliche Momente geschaffen, wie es anderen nicht mal in zwei Leben gelingen würde. Wer bitteschön kann schon von sich behaupten, eine Live -Sex-Performance in New York aufgeführt zu haben. Ficken auf der Bühne unter dem Deckmantel der Kunst. Das scheint mir typisch von Praunheim.

Definitiv teile ich seine Leidenschaft für das Unbequeme und alles Unkonventionelle, für New York, wie auch den Fakt in Frankfurt am Main aufgewachsen zu sein. Doch davon weiß Rosa nichts. Die Lichter fahren runter, Rosa verlässt den sich langsam verdunkelnden Saal. Mit Sicherheit hat er seinen eigenen Film schon zu Genüge gesehen. Der dramaturgische Einstieg in die Thematik ist direkt und unmittelbar. New York. Ich liebe Filme, die mit einer Panoramaaufnahme der einwohnerstärksten Stadt der USA oder gar mitten auf einer ihrer lebendigen Straßen beginnen. Die Dokumentation ist eine Art Fortsetzung des Films “Überleben in New York” aus dem Jahr 1989, in dem drei Frauen bei ihrem Vorhaben in dieser Stadt Fuß zu fassen mit der Kamera begleitet wurden. “New York Memories” zeigt nun was aus den Frauen geworden ist und wie sie heute leben.

Eine von ihnen ist Claudia Steinberg. Die gebürtige Essenerin schreibt regelmäßig für die deutsche Vogue und muss finanziell, man höre uns staune, trotzdem um ihr Überleben in Manhattan kämpfen. Wobei fraglich ist, wie jemand, der bereit ist 50 US-Dollar für ein Pfund Spinat auf dem “Farmers Market” zu zahlen, wirkliche Existenzängste haben kann. Dennoch, Steinbergs Biographie, wie auch die der anderen Protagonisten, inspiriert.

Der Film verdeutlicht wie es schwer ist, vor allem für Neuankömmlinge, sich in Gotham City zu etablieren. Und es wird scheinbar immer schwieriger. Die Angst vor Arbeitslosigkeit beherrscht die Mittelschicht. Aufgrund der von Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani eingeführten und seinem Nachfolger Michael Bloomberg fortgeführten “zero tolerance” Stadtpolitik gibt es zudem so gut wie keine kreative Underground-Szene mehr. Andy Warhol, Studio 54, Halston liegen gefühlte 1000 Lichtjahre zurück. Manhattan präsentiert sich heute sauber, reich und weiß!

Trotzdem die Bewohner der Perle am Hudson River quasi rund um die Uhr arbeiten müssen um irgendwie die 1800 Dollar für ihr winziges 1-Zimmer Apartment begleichen zu können, halten sie “ihrer” Stadt die Treue. Sie hegen die Hoffnung auf bessere Zeiten, wachsen an den Herausforderungen. Es ist der abgegriffene Traum vom “Tellerwäscher zum Millionär” oder zeitgemäßer ausgedrückt, die Möglichkeit zur hundertprozentigen Selbstverwirklichung, die die New Yorker die Strapazen der Existenzsicherung freiwillig aufnehmen lässt. Die enorme Flexibilität welche die Einwohner dabei an den Tag legen und deren Fähigkeit zur konstanten Selbstmotivation lassen  deutsche Lebensläufe im Vergleich da fast schon träge aussehen.

Im Bemühen die Situation zwischen Rosa und mir ein wenig zu optimieren, gehe ich nach der Vorführung auf ihn zu und sage ihm wie inspirierend ich seinen Film fand.  So  gewährt  “New York Memories” dem Zuschauer doch authentische Einblicke in die Gegenwart einer der aufregendsten Städte der Welt, frei von naiv-touristischer Schönfärberei.

Als ich von Praunheim frage, was es wohl sei, dass die Menschen trotz des anstrengenden Überlebenskampfes an diese Stadt bindet, murmelt er desinteressiert, etwas vom Gigantismus New Yorks. Wirklich aufschlussreich ist das nicht. Eine Rentnerin, die den Regisseur um ein Autogramm bittet unterbricht unsere stockende Konversation. Diskret trete ich einen Schritt zur Seite und schaue zu wie Rosa mit Kugelschreiber seine Signatur auf den Fächer der alten Dame kritzelt. Als er fertig ist, hebt er den Kopf ohne mich noch einmal anzublicken und schaut demonstrativ in eine andere Richtung. Schließlich zieht er wortlos von dannen. Ich frage mich ob mein Dior-Deo versagt hat und wo der Kasus-Knacktus zwischen uns liegen könnte. Ich begebe mich aus dem Kino-Foyer ohne mich von ihm zu verabschieden. Auf dem Weg zurück ins Büro frage ich mich desweiteren,  ob ich das Verhalten von Praunheims nun als unbegründet zickig oder einfach nur als “verhaltensoriginell” einstufen soll, und komme letztlich zu dem Schluß, dass mir zwar der Film gefiel aber  nicht die Launenhaftigkeit seines Schöpfers.

“Die Unfähigkeit sich zu verstehen weil man zu sehr seiner eigen Person verhafte bleibt führt bald zum tragischen Ender eine romantischen Freundschaft” ist im Praunheimschen Filmklassiker “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt” von 1971 zu hören. Mit Begeisterung stelle ich fest, dass die Erkenntnisse des Regisseurs zum schwulen Sozialverhalten auch 39 Jahre nach ihrer erstmaligen Verlautbarung noch immer gültig sind. Eine leibhaftige Begegnung mit Rosa von Praunheim ist der beste Beweis dafür.

(Text: Sven Barthel)