Jetzt singt er auch noch, mag manch einer denken und dabei die Augen verdrehen. Dabei geht Top-Model Baptiste Giabiconi bloß seinen eigenen Weg, und der führt ihn von der Modebranche ins Musikbusiness.
“Showtime” so der Name seiner Debut-Single wurde vor zwei Wochen in der französischen TV-Sendung “Le Bureau des Plaintes” in einem kurzen Einspieler dem Publikum vorgestellt. Den Studiogästen schien der Track, gemessen am Applaus und Jubel, zu gefallen. Hörbare Parallelen beim Refrain zu Ke$has “Tik Tok” mögen zufälliger Natur sein oder auch nicht, in jedem Falle hat der von Rapper 50 Cent abgemischte Song Hit-Potential. Karl Lagerfeld selbst habe laut eigener Aussage mit der Musikkariere des Beaus nichts zu tun, dies sei ganz allein Giabiconis Projekt, so Lagerfeld in einem Interview mit der Zeitschrift Gala.
Lea T. (zweite von rechts); photo by courtesy of givenchy
Auf den ersten Blick springt dem Betrachter nur ihre unglaubliche, jugendliche Schönheit ins Auge. Nicht im Traum würde irgendwer an Ihrer Weiblichkeit zweifeln. Ihre vollen Lippen, ihr langes dunkles Haar, die makellosen, langen Beine und dieser jugendliche, fast unreife Blick, wie ihn auch Kate Moss in jungen Jahren hatte. Keine Frage, Lea T. hat das gewisse Etwas, welches ein Model ausmacht. Mutter Natur hat es gut mit dieser jungen Frau gemeint und sie – um es mit den Worten eines Modelagenten auszudrücken – mit dem kompletten “High Fashion Rundumpaket” ausgestattet.
Deshalb würde wohl auch Niemand in Frage stellen, dass die gebürtige Brasilianerin das Gesicht der Herbst/Winterkampagne 2010 des französischen Luxuslabels Givenchy ist. Genauso wenig käme man auf die Idee, diese gelungene Kampagne als revolutionär einzustufen – doch für die Modebranche ist sie das und zwar aus gutem Grund. Denn Lea T.’s Geschichte ist nicht eine dieser hundertmal gehörten Cinderella Stories jener Models, die es aus dem Nichts unter die Top 20 geschafft haben. Lea T. wurde als Mann geboren und hieß früher Leo – das Topmodel mit der leicht androgynen Ausstrahlung ist eine Transsexuelle.
Vor 28 Jahren wurde sie als Leandro Cerezo in Brasilien geboren. Ihre Familie ist streng katholisch, ihr Vater ist der prominente Fussballspieler Toninho Cerenzo. Schon als Kind bemerkt Leandro, dass er anders ist, als die gleichaltrigen Jungen. Auch dem Vater wird das frühzeitig bewusst. Lange betet die Familie, dass Leandro „nur” homosexuell ist. Mit 14 fühlt sich Leandro zu Mädchen und Jungen gleichmaßen hingezogen und merkt, dass seine Situation alles andere als einfach sein wird. Erst die Begegnung mit dem Central Saint Martins Absolventen Riccardo Tisci wird alles ändern: der Modedesinger ermutigt Leandro, seine Weiblichkeit zu entdecken.
Als Kreativdirektor im Hause Givenchy engagiert Tisci Leandro später als seinen Assistenten und macht ihn schließlich zu seiner Muse. “One night he encouraged me to wear pumps to a party,” erinnert sich das transsexuelle Model in einem Interview mit der französischen Vogue. “We went shopping for ‘drag queen’ shoes and we bleached my eyebrows. It was a revelation.” Inzwischen hat es Lea vom Backstagebereich auf den Laufsteg geschafft. Sie ist bei der Modelagentur Women unter Vertrag, lief auf der Haute-Couture-Schau von Givenchy und wurde neben anderen Topmodels für die Herbst/Winter Kampagne des Luxuslabels unter Vertrag genommen.
Das wohl spektakulärste Shooting aber hatte Lea T., deren Verwandlung zur Frau noch nicht gänzlich vollzogen ist, jüngst für die französische Vogue. In der Juli Ausgabe posiert sie splitternackt. Ihre lange braune Mähne umspielt die zarten Brüste, ihr altes Ich ist nicht zu übersehen, auch wenn sie es vorsichtig hinter ihrer Hand versteckt. Im Vergleich zu ihrem fragilen Oberkörper wirkt ihre verbliebene Männlichkeit wie ein Störfaktor, ein Makel. Etwas, was da nicht hingehört. Chefredakteurin Carine Roitfeld brachte dieses Aktfoto einerseits den Vorwurf ein, sie würde Leas Transsexualität nutzen, um die Auflage ihres Magazins zu steigern.
Andererseits wurde die französische Vogue-Chefin für ihre Fortschrittlichkeit gelobt, da sie ein Thema aufgegriffen hat, welches in der Modebranche bislang als Tabu galt und in Hochglanzzeitschriften so gut wie gar nicht stattfand. Lea selbst wollte mit der freizügigen Fotostrecke ein Signal setzen:“I agreed to pose in the name of all my transsexual friends.” Trotz ihres märchenhaften Aufstiegs, kämpft die Brasilianerin weiterhin gegen Vorurteile und Altlasten. So soll ihr Vater im Interview mit der britischen Tageszeitung the Guardian die Existenz einer Tochter verneint haben. Als der Reporter konkret nachfragte, ob denn einer seiner Söhne in der neuen Givenchy Kampagne zu sehen sei, soll der ehemalige Profisportler einfach aufgelegt haben.
Wohl auch deshalb gibt sich Lea T. keinen Illusionen hin und sieht ihren derzeitigen Erfolg mit gemischten Gefühlen: “We transsexuals are born and grow up alone. After the operation we are born again, but once again alone. And we die alone.” It is the price we pay.” Vielleicht ist Lea mit ihren 28 Jahren noch nicht bewusst, dass sie möglicherweise eine Schlüsselfigur in der Modebranche sein wird, ähnlich wie es Anfang der 90er Jahre Naomi Campell war, die als erstes dunkelhäutiges Model die Laufstege dieser Welt eroberte. Eine Schlüsselfigur für mehr Menschlichkeit und Toleranz. Für den Fall, dass die schnelllebige Fashion Industrie sie doch nur verheizt und ihrer schnell überdrüssig wird, hat die besonnene Brasilianerin bereits vorgesorgt. Seit ein paar Semestern studiert sie in Italien Tiermedizin. Was für eine beeindruckende Frau, diese Lea T.! (Text: Martina Klose)