KENNZEICHNUNGSPFLICHT FÜR RETUSCHIERTE BILDER?

Posted: September 29th, 2009 | Author: Sven Barthel | Filed under: FASHION MEDIA, FASHION NEWS | Tags: , , , , , , , | 1 Comment »

Das Modeinsider-Blatt WWD berichtete kürzlich von einem Gesetzesvorschlag zur Kennzeichnungspflicht retuschierter Photos. Ähnlich den Warnhinweisen auf Zigarettenschachteln, sollen nach Meinung  der französischen Politikerin Valerie Boyer, Mitglied von Nicolas Sarkozy´s UMP Partei, retuschierte Bilder  mit Anmerkungen über die Manipulation versehen werden. Davon betroffen wären somit Werbeanzeigen, Pressefotos, Verpackungen und künstlerische Fotografien.

Ziel dieser Aktion ist es, junge Mädchen vor Essstörungen, einem verzerrten Selbstbild und einer verfehlten Wahrnehmung eines vermeintlich gängigen Schönheitsideals zu bewahren.

De Vorschlag löste unterschiedliche Reaktion aus. “Klatschpresse, die primär  mit Paparazziphotos von Celebrities arbeiten, begrüßen die Idee mehrheitlich. Hochglanzmagazine hingegen, lehnen die Aufklärungspflicht erwartungsgemäß ab,” so eine Sprecherin Boyers.

Auch innerhalb der Modebranche wird die Frage “Hinweis ja-Hinweis nein,” kontrovers diskutiert.
Junge, progressive Mode- und Lifestylezeitschriften setzten bei der Wahl ihrer Models ohnehin stärker auf Persönlichkeit statt auf Perfektion. Ein schiefer Zahn, Sommersprossen, ein markante Nase oder ein Knick im Ohr sind bei Titeln wie Vice, Sleek, Zoo, Missy oder Deutsch gern gesehen. Die “old guard” des high-fashion Editorials hält dabei an einer unerreichbaren Makellosigkeit fest. Hier geht es weniger um Authentizität als vielmehr darum, beim Leser Begehrlichkeiten zu wecken. Dies geschieht ganz im Sinne der Anzeigenkunden, denn eine überirdisch schöne Frau in einem Kleid von Versace suggeriert der Leserin: “Kaufst Du dir dieses Kleid, dann bekommst Du meine schlanke Taille gleich mit dazu!”

Sich der Werbepsychologie mittels Photoshop zu bedienen und Träume zu schaffen, Sehnsüchte zu wecken um den Absatz seiner Produkte zu fördern ist an für sich legitim. Problematisch wird es nur, wenn junge Menschen, allen voran junge Frauen versuchen dem hyperästhetischen Körperbild der Modeindustrie, das Erfolg, Geld und Sex verspicht, nachzueifern. Während das männliche Schönheitsideal jedoch zu Sport und Muskelaufbau animiert, weil männliche Hungerhaken nun einmal nicht gefragt sind, weder bei Frauen noch in der Werbung, verhält es sich beim weiblichen Geschlecht umgekehrt: dünn, dünner, Size Zero! Doch wer glaubt, Models würden per Photoshop stets um 50 Prozent ihres Körpervolumens reduziert und auf doppelte Körperlänge gestreckt, der irrt. Es mag für viele Frauen, die sich primär über ihr Äußeres definieren, frustrierend sein, doch die meisten professionellen Models erfüllen die Vorgaben von maximal 55 kg bei einer Größe 1,75 Meter auf natürliche Weise, ganz ohne dafür hungern zu müssen.

Ob Retusche-Anmerkungen tatsächlich Essstörungen vorbeugen können ist fraglich! Solange sich dürre Mädchen mit großen Kulleraugen in glitzernden Miu Miu Kleidchen über die Doppelseiten der Modemagazine räkeln, heißt die Botschaft: die ist drin weil dünn! Ob nun durch digitale Pixelschubserei oder  dank guter Gene, ist dabei nebensächlich. Interessant ist, allein die internationale Übereinkunft kreativer Entscheidungsträger und Blattmacher, gegenwärtig einen mädchenhaften, androgynen Körper zu propagieren und die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung.